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SportMedaillenmacher als Randfiguren

Medaillenmacher als Randfiguren

Stand: 15.04.2026 • 10:05 Uhr

Seit vielen Jahren klagen Bundestrainer über Bezahlung und Arbeitsbedingungen, aber es fehlt offensichtlich der politische Wille für Veränderungen. Weil die Gruppe keine Lobby hat – und ihr Enthusiasmus schamlos ausgenutzt wird.

Kaum hatte Lara Broich, U19-Tischtennis-Bundestrainerin, im Dezember 2025 ihre Ehrung erhalten, gab die frisch gekürte “Trainerin des Jahres” ein kritisches Interview. Auf der Webseite des Deutschen Olympischen Sportbundes, DOSB, der ihr “herausragendes Engagement” ehren wollte. “Würden wir Dienst nach Vorschrift machen, würde das System nicht funktionieren”, sagte die 36-Jährige und mahnte Verbesserungen bei der Bezahlung an. Für einen Beruf, der offenkundig in vielerlei Hinsicht kein Traumjob ist. Mit vielen Überstunden, Reisen, zu geringer Wertschätzung.

Das deutsche Sportsystem krankt seit Jahren an schlechten Arbeitsbedingungen für Trainerinnen und Trainer, betont Holger Hasse, Präsident des Berufsverbands der Trainerinnen und Trainer im deutschen Sport (BVTDS). Die Arbeitsbedingen sorgen für Frust. Dazu gab und gibt es einige Brandbriefe und Positionspapiere, ein recht aktuelles von der Deutschen Sporthilfe. Aber selbst verbindliche Zusagen seien in der Vergangenheit nicht eingehalten worden, “seit 20, 25 Jahren nur Floskeln und Worthülsen”, sagt Hasse: “Es fehlt der politische Wille, etwas zu verändern.” Was den Umgang mit den Trainern angehe, sei Deutschland “noch nicht reif für Olympische Spiele”.

Schattendasein bei der Gala

Sabine Tschäge, Ruder-Bundestrainerin beim Deutschland-Achter, war auch schon “Trainerin des Jahres”. Bei der Gala im festlich geschmückten Saal in Baden-Baden erhielt sie 2021 ihren Preis aber erst, als die Kameras schon nicht mehr liefen. Die Teams, Sportlerinnen und Sportler des Jahres, wurden noch im ZDF übertragen – die Trainer waren Randfiguren. “Insofern haben wir da wieder ein Schattendasein geführt”, sagt sie und lacht.

Tschäge hat eine mitreißende Art, ihren stressigen Arbeitsalltag zu beschreiben. Das klingt so gar nicht nach Wehklagen, das ist eher eine Bestandsaufnahme, die Betroffenheit auslösen kann. Alljährlich sei sie vier bis sechs Monate gar nicht daheim, bei Wettkämpfen, in Trainingslagern. Da würden sich die Überstunden automatisch ansammeln. Wie viel sie dabei genau verdient, will sie nicht verraten – ihr Gehalt liege aber etwas über dem Durchschnittseinkommen eines Bundestrainers, weil sie eine leitende Funktion hat.

Umfragen des BVTDS haben ergeben, dass dieses Durchschnittsgehalt bei 55.000 Euro jährlich liegt. Manche Bundestrainer und Bundestrainerinnen gaben aber auch nur 40.000 Euro an. Und noch so eine Durchschnittszahl: Die Entlohnung gibt es für 50 bis 60 Stunden pro Woche. Verbandspräsident Holger Hasse: “Die Überstunden werden in der Regel nicht durch Freizeit oder zusätzliches Gehalt ausgeglichen.”

Mehr als die Hälfte der Trainer gab das an. Hartmut Paulat, damals noch Sportdirektot des Deutschen Judo-Bundes, sagte der Sportschau vor drei Jahren, er sei sich jedes Mal vorgekommen wie “beim Dummenfang”, wenn er Trainern solche Verträge anbieten musste: “Weil natürlich die Gesamttätigkeit, die ein Trainer macht, weit mehr ist als das. Was letztlich vertraglich vertretbar ist.”

Nullrunden seit sieben Jahren

Sabine Tschäge betont, sie erlebe seit sieben Jahren Nullrunden in Sachen Gehalt. “Einen Inflationsausgleich gibt es nicht.” Seit sieben Jahren also keine Gehaltserhöhung, das Tagegeld für Verpflegung und Prämienzahlungen sei sogar gestrichen worden. “Wertschätzung”, sagt sie, “möchte jeder haben, egal in welchem Beruf. Und diese Wertschätzung könnte für mich auch über den Gehaltsscheck laufen.” Da stimmt also schon ein wesentlicher Basisfaktor für berufliche Zufriedenheit nicht.

Vor allem bei Trainern, die nur eine halbe oder Dreiviertelstelle haben und am Existenzminimum leben, geht die Angst vor dem Jobverluist um. Weit verbreitet seien auch immer noch mehrfach verlängerte Verträge mit Befristungen für viele zentrale Wissensträger des Sportsystems, die immer wieder im olympischen Zyklus für zwei oder vier Jahre verlängert würden, sagt BVTDS-Präsident Hasse: “Wir haben immer noch einige schwarze Schafe unter den Verbänden, die ihre Bundestrainer in unwürdigen Kettenverträgen halten.” Etwa die Hälfte soll davon betroffen sein. “Viele empfinden es als entwürdigend, sich dann immer wieder bei der Agentur für Arbeit melden zu müssen.”

Im Ausland gibt es das Sechs- bis Siebenfache

Sabine Tschäge, die auf Lehramt studiert hat, sich aber gegen den Lehrerjob und die Verbeamtung entschieden hat, hat im Freundeskreis einige Lehrer. Die nun deutlich mehr netto rausbekämen und mehr berufliche Sicherheit hätten. “Wenn sie mal einen Kredit fürs Haus aufnehmen wollen, dann können sie mal gucken, ob das mit dem Lehrergehalt oder dem Trainergehalt eher geht.” Und warum macht sie es trotzdem? “Ich habe mit jungen Leuten zu tun. Der Job wird nie langweilig”, sagt die 55-Jährige.

Auf diesen Enthusiasmus setzen viele Sportverbände, die mit den Geldern jonglieren und teilweise bei den Trainerstellen sparen. Weshalb es immer wieder Top-Trainer ins Ausland zieht, wo man das Sechs- bis Siebenfache verdienen könne, so Hasse. Es gibt prominente Beispiele wie Rodel-Trainer Georg Hackl, der kürzlich in Österreich seine Karriere beendete und einst laut polternd ging.

Und Trainer, die nahezu unbemerkt auswanderten. Wie der ehemalige Ruder-Bundestrainer Hartmut Buschhalter, der in den USA arbeitet, zuvor auch in China. Er nennt Jahresgagen von bis zu 200.000 Euro: “Trainer spielen die entscheidende Rolle für den Sportler, die Sportart. Das muss einfach besser bewertet und anerkannt werden – und auch besser finanziell stimuliert werden. Das machen uns andere Länder vor.”

Berufsverband fordert Konjunkturprogramm

Der Fehler liegt im System, das jahrelang auf Flickschusterei angelegt gewesen sei statt auf Strategie, betont Hasse: “Wenn man sich für Olympische Spiele bewirbt, versucht man doch über ein mehrjähriges Konzept entsprechend auch Erfolge sicherzustellen, aber das ist im Moment nicht erkennbar.” Er vermisse ein “echtes Konjunkturprogramm für Trainerinnen und Trainer”, das beim Nachwuchs ansetzen müsse. Stattdessen bekomme schon der Trainer-Nachwuchs das Gefühl, keine Lobby zu haben.

Auch nicht beim DOSB, der “Klientelpolitik” betreibe, wie Hasse beklagt, und sich den Verbänden, in erster Linie den 102 Spitzensportverbänden, verpflichtet fühle, nicht den Trainern. Die seien eben nur eine kleine Gruppe. Der Bund fördert insgesamt fast 700 Trainer-Stellen in den verschiedenen Sportfachverbänden und rund 200 Trainer an Olympia-Stützpunkten teilweise. Oftmals sind die Fachverbände auch die Arbeitgeber der Bundestrainer. Viele stehen finanziell ihrerseits unter Druck und geben diesen an das schwächste Glied weiter.

Einige Landessportbünde bieten bessere Arbeitsbedingungen

Aber immerhin finde in einigen Ländern ein Umdenken statt, wo mit den Landessportbünden so genannte Trainervergütungsvereinbarungen ausgehandelt worden seien. Zuletzt in NRW, davor aber auch schon in Baden-Württemberg, Niedersachen, Sachsen, Sachsen-Anhalt. Keine Tarifverträge im klassischen Sinne, aber zumindest eine Anlehnung an den Tarifvertrag der Länder. Mindeststandards. Mit dem Effekt, dass “die Landestrainerstellen teilweise attraktiver als Bundestrainerstellen vergütet werden”, so Hasse: “Das sollte dem Bund und dem DOSB zu denken geben.”


Quelle:

www.sportschau.de

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