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Römer setzten Mehrschusswaffe „Polybolos“ ein

Die antike Stadt Pompeji verrät nicht nur vieles über den Alltag in römischer Zeit. Ihre Stadtmauer zeugt auch von einer Belagerung der Stadt durch römische Truppen im Jahr 89 vor Christus. Analysen von Einschusslöchern in der antiken Mauer nun legen nahe, dass die Römer unter ihrem Feldherrn Sulla dabei eine legendäre Mehrschusswaffe einsetzten: den Polybolos. Dieser konnte mithilfe eines kettengetriebenen Mechanismus schnell mehrere Bolzen nacheinander feuern – wie eine mechanische Automatikwaffe.

Die Stadt Pompeji ist heute ein wertvolles Zeitzeugnis zum Leben im Römischen Reich. Unter den Aschenschichten des Vesuvausbruchs im Jahr 79 begraben, blieben Überreste der Bewohner und ihrer Alltagsobjekte, aber auch Villen, Badehäuser und andere Bauten erhalten. Doch Pompeji war nicht immer römisch: Im sechsten vorchristlichen Jahrhundert war die Stadt vorwiegend von Etruskern bewohnt, später gehörte sie zum Gebiet des italischen Volksstamms der Samniten. Als die Römer die Vorherrschaft über Italien gewannen, zwangen sie diese Volksstämme in ein Bündnis, gaben ihnen aber zunächst nicht das volle Bürgerrecht – es kam zum Aufstand.

Einschusslöcher in der Stadtmauer von Pompeji. Links von einem Katapult-Steingeschoss, rechts eine kleinere, regelmäßig angeordnete Lochgruppe. © Rossi et al./ Heritage, CC-by 4.0

Einschusslöcher in regelmäßiger Anordnung

Während dieses Bundesgenossenkriegs (Bellum Sociale) war auch Pompeji Schauplatz von Kämpfen. Weil die Stadt auf Seiten der Aufständischen stand, wurde sie ab 89 vor Christus von römischen Truppen unter ihrem Feldherrn Lucius Cornelius Sulla belagert. Spuren der Kämpfe sind bis heute am nördlichen Teil der Stadtmauer von Pompeji sichtbar, dem bisher einzigen freigelegten Teil dieser um die Stadt gebauten Befestigungsmauer. In den Steinen der Mauer klaffen zahlreiche Löcher, die auf intensiven Beschuss hindeuten. „Diese Zeitzeugnisse haben römische Umbauten, Naturkatastrophen, die Bomben des Zweiten Weltkriegs und moderne Maßnahmen überdauert“, erklären Adriana Rossi von der Vanvitelli-Universität Kampaniens und ihre Kollegen.

Die großen Löcher in der Stadtmauer verraten, dass die Römer bei ihrer Belagerung Katapulte einsetzten, mit denen sie schwere Sandsteinkugeln auf die Mauer und ihre Verteidiger schossen. Neben solchen größeren Geschossspuren finden sich in der Mauer jedoch auch kleinere, auffallend regelmäßig angeordnete Einschüsse. „Diese fächerförmigen Löchergruppen fallen nicht nur durch ihre rechteckige Form auf, sondern auch durch ihre bogenförmige Anordnung mit kurzen, regelmäßigen Abständen“, berichten Rossi und ihr Team. Damit unterscheiden sich diese meist in Dreier- oder Viergruppen stehenden Löcher deutlich von den Spuren der großen Katapultgeschosse.

Bolzen eines Polybolos als Ursache?

Um herauszufinden, wodurch diese bogenförmig angeordneten Einschusslöcher entstanden sein könnten, haben Rossi und ihr Team sie mithilfe von Laserscans und weiteren Methoden genauer analysiert. Anhand von digitalen 3D-Modellen und Vergleichen mit antiken historischen Quellen untersuchten sie, welche Waffen solche Löcher hinterlassen haben könnten. Dabei fanden die Archäologen die größte Übereinstimmung zu den Löchern in einer Beschreibung des griechischen Gelehrten und Erfinders Philon von Byzanz aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert. Dieser berichtete in seinem „Handbuch der Mechanik“ von einem „Polybolos“ -– einer Schusswaffe, mit der man mehrere metallene Bolzen schnell hintereinander verschießen konnte.

Der Polybolos besaß dafür einen Kurbel- und Ketten-Mechanismus, durch den nach jedem Schuss automatisch ein Bolzen aus einem Magazin in die Abschussvorrichtung nachrutschte. „Die Geschosse streuen nicht, sondern erzeugen eine Bahn, die mehr oder weniger entlang eines Kreissegments liegt“, beschreibt Philon den Effekt dieses Mehrschüssers. Im Prinzip war der Polybolos damit ein antiker Vorläufer moderner Repetier- und Automatikwaffen.

Sulla, Sizilien und eine antike Waffenschmiede

Nach Ansicht der Archäologen sprechen die Übereinstimmungen zu den antiken Beschreibungen dafür, dass die Löcher in der Stadtmauer von Pompeji von einem Polybolos stammen. „Die radiale Konfiguration und engen Abstände der Einschüsse in Pompeji machen die Nutzung einer solchen automatischen Waffe plausibel“, schreiben die Archäologen. Gestützt wird dies durch die Vorgeschichte des römischen Feldherrn Sulla: Vor seinem Einsatz gegen Pompeji war er als Gouverneur in der Provinz Kilikien in der heutigen Türkei stationiert. Zu dieser gehörte damals auch die Insel Rhodos, auf der der Polybolos der Überlieferung nach erfunden wurde und die in der Antike ein Zentrum der Waffenproduktion war.

„Es ist daher plausibel, dass Sulla – ein politisch erfahrener und technisch versierter Kommandeur – eine solche Mehrschusswaffe bei der Belagerung von Pompeji einsetzte“, so die Archäologen. Für die Römer war die Belagerung Pompejis ein Erfolg: Sie durchbrachen die Verteidigungslinien und Mauern und eroberten die Stadt im Jahr 80 vor Christus. Pompeji wurde dadurch zu einer römischen Kolonie und seine Bewohner nahmen im Laufe der folgenden Jahrzehnte zunehmend römische Sitten an.

Quelle: Heritage, doi: 10.3390/heritage9030096


Quelle:

www.wissenschaft.de