Behauptung: Zahlreiche Social Media-Accounts teilen derzeit ein angebliches DW-Video. Die Behauptung darin: Die Bundeswehr habe mehr als eine Million Männer per SMS aufgefordert, sich vor der Ausreise bei einem Karrierecenter der Bundeswehr zu melden. Außerdem seien allein im April 40.000 Menschen am Fliegen gehindert worden. In einer der Veröffentlichungenmit mehr als 160.000 Aufrufen heißt es: “Europas Freizügigkeit gilt nicht, wenn Merz Soldaten braucht.”
DW Faktencheck: Fake
Der virale Social-Media-Clip trägt das Logo der Deutschen Welle: Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Nachrichtenbeitrag des Senders. Doch die DW hat das Video weder produziert noch veröffentlicht. Logo und Designelemente wurden kopiert, um einen seriösen Eindruck zu erwecken.
Im Fachjargon heißt das: Spoofing. “Spoofing kopiert das Design seriöser Medien, um Desinformation glaubwürdig erscheinen zu lassen. Das untergräbt Vertrauen”, sagt Kristin Zeier, Head of Central Desk bei der Deutschen Welle. “Qualitätsmedien müssen dem entschlossen entgegentreten.”
Bei genauerem Hinsehen ist die Fälschung schnell zu erkennen. Schon der Eröffnungstitel enthält einen groben Grammatikfehler: “Die Bundeswehr wurde im April 40.000 Männer die Ausreise versperrt”. Ein solcher Satz hätte einer redaktionellen Prüfung in deutschen Medien im Regelfall nicht standgehalten. Auch sehen etwa die Untertitel anders aus als in anderen DW-Videos.
Die einzelnen Szenen halten einer näheren Prüfung mithilfe einer Bilderrückwärtssuche ebenfalls nicht stand. Eine Aufnahme, die drei Polizisten an einem Flughafen zeigt, ist bereits sieben Jahre alt. Sie erschien bereits 2018 im Zusammenhang mit verstärkten Sicherheitsmaßnahmen an deutschen Flughäfen.
Eine andere verwendete Szenen stammt zwar tatsächlich aus einem DW-Video – aber aus dem Jahr 2025 und nicht aus einem aktuellen Kontext:
Hat die Bundeswehr eine SMS an mehr als eine Million Männer verschickt?
Der Screenshot einer angeblichen SMS der Bundeswehr in diesem Video soll zusätzlich seriös wirken. Tatsächlich wurde hier die echte Nummer des Bürgerdialogs der Bundeswehr verwendet, doch ein fälschlicherweise im Text der SMS klein- statt großgeschriebens “Sie” weist auf einen Fake hin.
Eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums bestätigte der Deutschen Welle schriftlich, dass die im Video enthaltenen Angaben falsch seien.
“Der Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung hat keine Nachrichten an junge Männer gesendet”, heißt es. Auch sei “niemandem die Ausreise auf der Grundlage des § 3 Wehrpflichtgesetz durch den Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung versagt” worden.
Obwohl die Behauptungen im Video falsch sind, haben sie einen realen Hintergrund. Seit Jahresbeginn gilt in Deutschland ein neues Wehrdienstgesetz. Dies sah tatsächlich vor, dass sich sämtliche Männer zwischen 17 und 45 Jahren Auslandsaufenthalte von mehr als drei Monaten beim zuständigen Karrierecenter der Bundeswehr genehmigen lassen müssen. Eine Regelung, die es in ähnlicher Form bereits in Zeiten des Kalten Krieges gab, zuletzt aber für Diskussionen gesorgt hat.
Auf der Seite der Bundeswehr wird jetzt klargestellt, dass sich niemand vor der Ausreise abmelden muss. Eine Änderung kann es nur geben, wenn die Wehrpflicht wieder eingeführt wird.
Was bleibt, ist das Ziel der Bundeswehr: Bis Jahresende will sie 20.000 neue Soldatinnen und Soldaten finden. Dazu hatte die Bundeswehr in den ersten vier Wochen des neuen Jahres bereits mehr als 40.000 Fragebögen an potenzielle Interessierte verschickt.
Ziel der Spoofing-Kampagnen: Desinformation verbreiten
Die Informationen in Spoofing-Videos können wie in diesem Fall einen wahren Kern haben und sich auf tatsächliche aktuelle Diskussionen beziehen. Allerdings werden sie mit falschen oder irreführenden Informationen gespickt.
Die Technik der Spoofing-Fälle ähnelt sich meist: Logos und Schriften werden geklont, Szenen aus anderen Videos geklaut und als neues Video zusammengeschnitten.
Dahinter steckt kein Zufall, denn die Deutsche Welle ist nicht zum ersten Mal Ziel solcher Manipulationen. Immer wieder tauchen Videos auf, die Logos von Medienunternehmen gleichen und dabei nie von ihnen produziert wurden.
So war in der Vergangenheit etwa ein gefälschtes DW-Video über angeblichen Ukraine-Hass in Polen im Umlauf oder eine angebliche Instagram-Story von DW News, in der behauptet wurde, jemand in Berlin habe ein Graffiti gemalt, auf dem Selenskyj als Kannibale dargestellt ist, der seine Soldaten verspeist.
In den meisten Fällen und Kampagnen, die auch unter den Namen “Doppelgänger”, “Matroschka” oder “Storm-1516” bekannt sind, steckt das Ziel dahinter, anti-ukrainische oder anti-westliche Narrative zu verbreiten oder Wahlen zu beeinflussen. Sicherheitsforscher etwa von Newsguard ordnen diese Art von Kampagnen vor allem russischen Einflussoperationen zu.
Mitarbeit: Alima de Graaf, Daniel Ebertz
Quelle:
www.dw.com



