Sabine Winter hat mit einer Spielumstellung die Tischtenniswelt in Erstaunen versetzt und einen Wandel hingelegt, mit dem niemand rechnete. Inzwischen ist sie längst angekommen in der absoluten Weltspitze.
“Die letzten Wochen und Monate hatte ich mir so nicht mal zu Träumen gewagt” – so beschreibt Tischtennis-Nationalspielerin Sabine Winter, die in Bad Aibling und Düsseldorf trainiert, ihren derzeitigen Höhenflug. Der spülte sie bis in die absolute Weltspitze. Bei der anstehenden Tischtennis-Team-WM in London ist sie nominell erstmals Deutschlands Spitzenspielerin bei einer Weltmeisterschaft.
Vor Olympia 2024 quasi ausgemustert
Dabei war vor rund zwei Jahren, kurz vor Olympia 2024, noch alles anders: Winter war zwar eine gute Spielerin auf hohem, aber nicht höchstem Niveau und fehlte deshalb im deutschen Kader für Olympia in Paris – ein herber Rückschlag für die damals 31-Jährige.
“Ich hatte damals nicht sonderlich viel Spaß am Tischtennis. Ich war gut, aber ich hatte irgendwie das Gefühl auf meinem Niveau nicht mehr vorwärts zu kommen”, gab Winter nun im Sportschau-Interview preis: “Ich denke, auch andere hatten den Glauben an mich etwas verloren”,
Spielsystem vor zwei Jahren umgestellt
Also entschied sich Winter für etwas, was es auf Top-Niveau und im Alter jenseits der 30 Jahre noch nie gegeben hatte: Sie stellte ihr komplettes Spielsystem um. Auf der Rückhand wechselte sie fortan auf einen passiven, sogenannten “Anti”-Schlägerbelag.
Das bedeutet, dass sie damit vor allem das Spiel der Gegnerinnen stören konnte. Während normalerweise der Ball vom Schläger wegspringt, “saugt” der neue Belag Winters quasi jegliche Rotation des Balles auf.
Winter: “Nicht verzweifelt, sondern neugierig”
Bereits ein Jahr zuvor war ihr die Idee gekommen: “Ich hatte mitbekommen, dass einige Topspielerinnen damit Probleme haben. Ich habe mir dann viele dieser Spiele angeschaut und gedacht, wenn ich das noch lernen könnte, würde es super zu meinen Stärken passen.”
“Verzweifelt” sei sie nicht gewesen, eher “neugierig”. Mit dem neuen Spielsystem ist Winter vielseitiger – zusätzlich zu den neuen hat sie ihre alten Schläge nicht verlernt. Nicht selten passiert es, dass Winter völlig überraschend im Ballwechsel den Schläger dreht und plötzlich wieder offensiv agiert.
Bundestrainerin Boros: “Winters Entwicklung ein kleines Wunder”
“Ich kann das Spiel immer wieder anpassen, ich habe mehr Schläge zur Verfügung als früher”, erläuterte sie. Auch Frauen-Bundetrainerin Tamara Boros sieht Vorteile: “Mit dem neuen Spielsystem hast du als Gegnerin die ganze Zeit Druck, gute Platzierung und gutes Tempo zu spielen. Dann machst du auch mehr Fehler.”
Dass die Umstellung so gut klappt, sei laut Boros “ein kleines Wunder”. Das Ziel Winters ist dabei klar: ihre große Stärke, die Vorhand, einsetzen. “Niemand im Damen-Tischtennis spielt so eine gute Vorhand wie Sabine”, lobte die Bundestrainerin.
Extern überwiegte Skepsis zur Umstellung
Dabei war Boros, wie viele andere auch, am Anfang eher skeptisch, was die Systemumstellung anging: “Ich habe ehrlich nicht daran geglaubt, dass es so gut passen kann. Wir haben dann gesprochen und gesagt, die ersten sechs Monate geben wir dir Zeit und dann gucken wir, ob es funktioniert.”
In diesen Monaten musste Winter beweisen, dass sie es schaffen kann – die Hauptarbeit passierte nicht im Düsseldorfer Leistungszentrum, sondern in ihrer Heimat Bad Aibling. “Mein dortiger Trainer Thomas Wetzel und die Trainingsgruppe haben das komplett mit mir durchgezogen. Ohne sie hätte ich das nicht geschafft”, sagte Winter.
Vergangenes Jahr plötzlich erweiterte Weltspitze
Die 33-Jährige erarbeitete sich nach und nach das entsprechende Niveau zurück: “Man muss fleißig bleiben und bereit sein, wenn etwas nicht funktioniert, nicht gleich wieder zu zweifeln.” Wie gut sie das alles in erstaunlich kurzer Zeit gemeistert hat, lässt sich an ihren Turnierergebnissen und der Entwicklung in der Weltrangliste ablesen.
Ein erstes Ausrufezeichen setzte sie im November 2025, als sie die Tischtennis-Welt verblüffte. Mehrfach schlug sie Spielerinnen aus der Weltspitze, erst im Finale des Turniers in Montpellier verlor sie gegen die an drei gesetzte Chinesin Wang Yidi knapp mit 3:4-Sätzen.
Dieses Jahr so erfolgreich wie nie
Sabine Winter mit ihrem neuen roten Schlägerbelag
Aktuell erlebt Winter das erfolgreichste Jahr ihrer Karriere: Sie ist die einzige Europäerin unter den Top 15 der Welt. 2026 erreichte sie das Finale beim Singapore Smash, einem der großen “Grand-Slam”-Turniere im Tischtennis – als erste Deutsche überhaupt seit der Einführung dieser Turniere.
Dazu holte sie vor kurzem Bronze beim World Cup in Macao. Dabei nahm sie auch Revanche an Wang Yidi für die knappe Niederlage in Montpellier – im Viertelfinale siegte Winter klar mit 4:0. Erst bei der aktuellen Weltmeisterin Sun Yingsha war im Halbfinale Endstation.
Winter: “Sicher, dass ich noch besser werden kann”
Wohin es für Winter noch gehen kann, weiß niemand – nicht einmal sie selbst: “Ich bin mir sicher, dass ich mein eigenes Spiel noch anheben kann. Ich bin mir aber auch sicher, dass mich meine Gegnerinnen mehr analysieren und gegen so ein Spielsystem trainieren.”
Boros spricht bei Winters Umstellung unterdessen von “der besten Entscheidung ihrer Karriere” und bescheinigt: “Ich sehe mit diesem Spielsystem noch viel Potenzial bei ihr nach oben.” Erstmals umsetzen möchte Winter das noch höhere Niveau bei der Team-WM in London. Einen besseren Zeitpunkt dafür kann es wohl kaum geben.
Unsere Quellen:
Sportschau-Dreh mit Sabine Winter
Sportschau-Interview mit Tamara Boros
Ergebnisseite des Tischtennis-Weltverbandes (ITTF)
ITTF-Weltrangliste
Sendung: WDR.de “Sabine Winter vor Tischtennis-WM in Topform”, 27.04.26 18.10 Uhr
Quelle:
www.sportschau.de



