analyse
Nach einem unvergesslichen 5:4 zwischen PSG und Bayern freut sich die Fußballwelt aufs Rückspiel. Bis dahin will Vincent Kompany seine Defensive besser einstellen, ohne Qualität im Angriff zu verlieren.
Am Morgen nach dem 5:4 im Champions League-Halbfinale zwischen Paris St. Germain und dem FC Bayern überbot sich die europäische Fußballpresse in Superlativen. Ein “Meisterwerk” sei das Spiel in Paris gewesen, eine “Ode an den Fußball”, fand die spanische Zeitung “AS”. Die üblicherweise eher nüchterne englische “BBC” bewunderte gar “eines der besten Spiele, das man je gesehen hat”.
Es gibt auch eine ganz simple Sportmetapher, die das Spiel gut beschreibt: Im Pariser Prinzenpark kämpften zwei Schwergewichte ohne Deckung.
Ein stolzer Verteidiger
Nicht ohne Stolz trat PSG-Kapitän Marquinhos nach dem Spiel vor die Fernsehkameras und sagte mit Blick aufs Rückspiel, seine Mannschaft müsse mit derselben Mentalität und Persönlichkeit nach München fahren, “damit wir dort einen so großartigen Job machen können, wie wir es hier getan haben.”
Wenn man dazu weiß, dass Marquinhos ein Innenverteidiger ist, dessen Mannschaft gerade eben zuhause vier Gegentore kassiert hatte, dann weiß man alles über die Einstellung der Pariser Mannschaft von Luis Enrique.
Obwohl die Franzosen mit Joao Neves und Vitinha die wohl beste Doppelsechs im Weltfußball aufbieten ist alles in ihrem Spiel darauf ausgerichtet, den Ball möglichst direkt zu ihren hochbegabten Angreifern zu spielen.
Weil auch die Münchner am Dienstag auf direktem Weg ihre Flügelzange aus dem unwiderstehlichen Dribbler Michael Olise und dem entfesselten Luis Diaz suchten, verging über weite Strecken kaum eine Minute ohne Strafraumszene.
Bayerns Comeback ist die Geschichte des Hinspiels
“Ich habe noch nie zuvor ein Spiel mit diesem Rhythmus gesehen”, staunte der Pariser Trainer Luis Enrique. So ging es wohl auch den Fernsehregisseuren: Wann immer sie nach einer Chance kurze Nahaufnahmen der Gesichter der Protagonisten auf dem Platz einspielten, liefen sie Gefahr das nächste Tor zu verpassen.
Vielleicht sollten sie beim Rückspiel nächste Woche in München ganz auf ihre Zeitlupen verzichten, dass die Mannschaften es dann ruhiger angehen lassen, ist so gut wie ausgeschlossen.
Im Audiostream und im Live-Ticker, Di., ab 20.30 Uhr: PSG – FC Bayern
Pfeil rechts
Halbfinale
Pfeil rechts
Enrique rechnet mit drei Pariser Toren
Mindestens drei Tore sollten es im Rückspiel sein, um ins Finale zu kommen, rechnete Enrique nach dem Spiel vor. Er tat das unter dem Eindruck der kleinen Aufholjagd, die Bayern in der zweiten Halbzeit hingelegt hatte.
Nach dem Doppelschlag von Kvicha Kvaratskhelia und Ousmane Dembélé in der 56. und 58. Minute sah es kurz so aus, als hätten die Pariser ihren Münchner Widersachern den K.o.- Treffer versetzt.
Aber die Bayern taumelten nur kurz und stellten durch Tore von Dayot Upamecano und Diaz innerhalb von zehn Minuten wieder den Anschluss her. “Wir sind sehr stolz auf die Tatsache, dass wir noch auf 5:4 herangekommen sind”, sagte Harry Kane nach dem Spiel.
Wer besser verteidigt, gewinnt das Rückspiel
Und während Zuschauer ganzen Welt noch staunend vor den Fernsehern saßen und nicht fassen konnten, welches Niveau “im Umschaltspiel, bei der Geschwindigkeit und der Intensität in den Eins-gegen-Eins-Duellen” sie da gerade bewundern durften, verriet Kane in einem Nebensatz, woran die Bayern bis nächsten Mittwoch arbeiten werden.
Denn als er das “Top-Niveau” der Partie lobte, fügte er an “besonders im Angriffspiel”, was im Umkehrschluss natürlich bedeutet, dass er mit der Defensivarbeit nicht zufrieden war. Sein Trainer Vincent Kompany führte aus: “Wir waren anfällig für Konter, das haben wir in der zweiten Halbzeit nicht gut genug verteidigt.”
Anschauungsmaterial liefert das zwischenzeitliche 4:2 durch Kvaratskhelia, als Désiré Doué mit einem Lauf Richtung Mittellinie den eingewechselten Konrad Laimer aus der Viererkette zog. In seinem Rücken startete der von Diaz vergessene Achraf Hakimi mutterseelenallein in den Strafraum und legte unbedrängt das Tor auf.
Gerade an der Abstimmung zwischen den Flügelspielern Olise und Diaz mit den Außenverteidigern haperte es häufig. In diesen Situationen wird das Rückspiel entschieden werden. Und die Vorbereitung darauf beginnt jetzt.
Entschädigung für langweilige Ligen
Ihre Spiele gegen Lorient und Heidenheim werden Paris und die Bayern am Wochenende jedenfalls nicht an ihre Grenzen bringen. Beide Mannschaften sind dem nationalen Wettbewerb längst entwachsen und gewannen vier der vergangenen fünf Meisterschaften. Aber vielleicht sind derart temporeiche Spiele wie das am Dienstag anders gar nicht möglich.
Obwohl der Sportfonds von Katar schon seit 15 Jahren absurde Summen in PSG investiert, war Luis Enrique im vergangenen Jahr der erste Trainer, der die Champions League nach Paris gebracht hat. Jetzt steht er zum zweiten Mal hintereinander dank seines atemberaubenden Fußballs kurz vor dem Finale. Teil seiner Magie ist es, die Mannschaft auf den Punkt für die entscheidenden Spiele im Frühling in Topform zu bringen. Das beste Beispiel dafür ist Kvaratskhelia, der in der Champions League in weniger Spielen mehr Tore geschossen hat als in der Liga.
Für Vincent Kompany wird es umso wichtiger die Deckung seiner Mannschaft zu verbessern, ohne dabei die Schlagkraft zu verlieren, den Rückstand aus dem Hinspiel noch umzudrehen.
Quelle:
www.sportschau.de



