Die Wiege des Schmunzelschokohasen mit dem Glöckchen am Hals steht nicht etwa in der Schweiz, dem Land der Chocolatiers, sondern im Ruhrgebiet. Das gilt übrigens auch für jede Menge Weihnachtsmänner, Schokoriegel und Pralinen aller Art. Und natürlich für klassische Schokoladentafeln.
Für die Gestaltung der Schokolade sorgt das mittelständische Familienunternehmen Agathon mit Sitz in Essen. Als weltweit größter Hersteller von Schokoladenformen aus hochwertigem Kunststoff beliefert Agathon alle großen Chocolatiers rund um den Globus.
Von Osterhasen bis Pralinen
Pro Jahr produziert Agathon rund eine Million Formen für Schoko-Hersteller in 52 Ländern. Zu den Kunden gehören u.a. Branchengrößen wie Nestlé, Ferrero, Lindt und Mondelez International. Entsprechend groß fällt die Produktpalette aus. “Unsere Designer kreieren bis zu 2000 unterschiedliche Produkte im Jahr”, sagt die lange Jahre für den Vertrieb zuständige Lisa Schiesser.
Hergestellt werden letztlich rund 250 neue unterschiedliche Artikel. “Wir haben”, so Schiesser, “mit unserem Design-Team die Möglichkeit, sehr kreativ zu sein und uns selber etwas zu überlegen. Oder ein Kunde hat schon sehr genaue Vorstellungen von dem Produkt.”
In dem Fall feilt das Design-Team am Computer bis ins kleinste Detail an der gewünschten Form, bis erste Probeabgüsse aus Harz angefertigt werden. Für die Designer bei Agathon geht es im Endeffekt aber um mehr als nur die reine Form, erläutert Philipp Neufeld vom Design-Team. “Man muss vor allem auch das Volumen treffen, dann die Masse und am Ende auch das Gewicht. Da geht es um mehr Komponenten als einfach nur eine kleine Veränderung.” Wie etwa um ein von der Marketingabteilung bestelltes aufgefrischtes Lächeln des Schmunzelhasen.
Rohstoffpreise beeinflussen Formgebung
In dem Kontext verweist Geschäftsführer Volker Krämer auf den Einfluss der Rohstoffe auf die Formgebung. Als aktuell konkretes Beispiel gelten die unlängst gestiegenen Preise für Kakao auf dem Weltmarkt. Um diesen Kostenanstieg aufzufangen, reduzierten Marken wie Milka das Gewicht der klassischen 100 Gramm-Tafel auf 90 Gramm. Für Agathon, so Volker Krämer, bedeutet das, “neue Schokoladenformen herzustellen, und zwar so schnell wie möglich.” Stellt wie in diesem Fall ein Kunde das Gewicht um, geht es um tausende Formen. Außerdem ist mit Blick auf das vorgegebene Zielgewicht bei einer Trauben-Nuss-Schokolade ein anderes Volumen als bei einer Vollmilch-Tafel zu berücksichtigen. Das kann bei einer ausgefallenen Nussernte eine kurzfristige Änderung der Formen erfordern.
Als Weltmarktführer beliefert Agathon auch Schokoladenhersteller in Indien und den USA. Gefragt sind in Indien rund um das hinduistische Lichterfest Diwali Schoko-Kerzen und in den USA zu Halloween Formen für Schokokürbisse.
Produktion im Drei-Schichten-Betrieb
Ob Überraschungsei oder Dubai-Schokolade in Gestalt eines Riegels oder als quadratische Praline für den US-Markt, für jede Art von Schokolade findet Agathon eine passende Form.
Also auch für die dreieckige massive Schokolade von Toblerone aus der Schweiz, für die das Matterhorn Modell stand. An deren Form, betont Lisa Schiesser, wird fast gar nicht gerüttelt. “Da gibt es vielleicht einmal eine neue Grammatur, ein neues Zielgewicht. Aber da gibt es ganz strenge Vorgaben, wie die Dreiecke auszusehen haben. Und daran wird nicht gerüttelt.”
In diesem Fall resultiert die Markenkraft auch aus der markanten Form. Aufgrund der immensen Nachfrage läuft die Produktion am Standort Essen durchgehend an sieben Tagen in der Woche im Drei-Schichten-Betrieb. Lediglich an den Weihnachtstagen sowie über Silvester und Neujahr ruht die Fertigung. Zur Verdeutlichung der Output-Dimension: Allein mit den Formen, die in nur einer Schicht produziert werden, können die Kunden 10.000 Tonnen Schokolade herstellen. Mit rund 160 Mitarbeitern erwirtschaftet Agathon einen Jahresumsatz von 18 Millionen Euro.
Warum Agathon am Standort Deutschland bleibt
Schokoladenprodukte haben ganzjährig Konjunktur. So machen Saisonartikel wie Osterhasen oder Weihnachtsmänner nach Angaben von Lisa Schiesser nur etwa zehn Prozent der Aufträge aus. “Da geht es vielmehr um die Artikel, die man alljährlich im Supermarkt findet. Also etwa auch neue Pralinen, neue Tafeln, neue Riegel.”
Agathon-Chef Volker Krämer hat die Marktnische für Schokoladenformen früh besetzt und gezielt ausgebaut. Und auch als Weltmarktführer bleibt das mittelständische Unternehmen trotz wirtschaftlich herausfordernder Umstände dem Standort Deutschland treu.
Gut 20 Millionen Euro hat Agathon in den Bau des neuen Firmensitzes in Essen samt hochmoderner Produktionshalle investiert. Ein übrigens aus guten Gründen gefasster Entschluss, bilanziert Schiesser. Denn “unser Produkt bedarf viel Know-How. Das heißt, die Kolleginnen und Kollegen, die viele Jahre da sind und das Wissen haben, die sind äußerst wertvoll. Und das noch einmal an einem anderen Standort aufzubauen, wäre schwierig gewesen.” Der Weg großer Chocolatiers führt also weiter nach Essen zu Agathon, wenn sie ihre verschiedenen Schokoladenerzeugnisse in ansprechende Formen bringen lassen wollen.
Quelle:
www.dw.com



