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"Abschiebung wäre auch aus ökonomischer Sicht Wahnsinn" / Gemeindereferentin macht sich für integrierte Flüchtlingsfamilie stark

“Abschluss statt Abschiebung!” steht auf einem Schild, “Gemeinsam leben statt trennen!” auf weiteren, genauso “Kein Mensch ist illegal”. Über 100 Schülerinnen und Schüler der Klassen acht, neun und zehn haben sich mit ihren Plakaten auf den Stufen gegenüber des Haupteingangs der Werner-Heisenberg-Realschule in Köln-Buchheim aufgestellt. 

Viele von ihnen haben augenscheinlich einen Migrationshintergrund, genau wie der Junge, wegen dem sie hier sind: Der 15-jährige Ruhaim stammt eigentlich aus Sri Lanka, lebt mit Eltern und Geschwistern seit acht Jahren in Deutschland und träumt davon, nach der Schule eine Kochlehre zu machen. Aktuell aber müssen er und seine Familie befürchten, dass sie gegen ihren Willen ins Flugzeug gesetzt und nach Sri Lanka ausgeflogen werden – in das Land, aus dem sie 2018 nach einem Brandanschlag geflohen waren. Bis dahin waren sie als muslimische Tamilen in doppelter Minderheitensituation immer wieder Repressalien und Diskriminierungen ausgesetzt, politischen und religiösen.

“Hier sind wir doch zuhause!”

“In Sri Lanka wären wir nicht sicher”, sagt Ruhaim, “und hier sind wir doch zu Hause!” Er geht in die 9a und ist ein guter Schüler, der keine Probleme macht, versichert sein Klassenlehrer Mau-Wai Lau. Er lobt Ruhaim auch dafür, dass der sich als Schülersprecher um den Schulkiosk gekümmert und bessere Essenskarten für alle organisiert habe. Dass jetzt die Abschiebung droht, könnten er und seine Kolleginnen und Kollegen nicht verstehen. “Ruhaim und seine Familie sind hier doch super integriert. Sie haben alles richtig gemacht.” 

Die ganze Schulgemeinschaft, Lehrerinnen genauso wie Schüler, sei verstört und verstehe die Welt nicht mehr. “Da kann man schon mal das System in Frage stellen!” Dass Ruhaim ziemlich beliebt ist, behauptet nicht nur sein Lehrer. Das zeigen auch die vielen Gleichaltrigen, die während der Solidaritätsversammlung auf dem Schulhof immer wieder auf ihn zukommen, ihm auf die Schulter klopfen, ihn umarmen.

Verein und Erzbistum setzen sich für Integration ein

Organisiert hat die Kundgebung in der Mittagspause neben der Schule auch der Verein Mosaik Köln Mülheim e. V. um die katholische Gemeindereferentin Marianne Arndt. Mit Unterstützung, unter anderen der Aktion Neue Nachbarn, also der Flüchtlingshilfe des Erzbistums Köln, bietet Mosaik Sprachkurse und Treffen, Austausch und Job-Coaching. Und steht Geflüchteten zur Seite, die in existenzielle Not geraten sind. So wie jetzt der Familie Rouf, deren Asylantrag bereits 2018, die Klage gegen diesen Entscheid Ende 2023 abgelehnt wurde. 

Seit 2024 war die heute siebenköpfige Familie nur geduldet, weil sie zunächst keine Pässe vorlegen konnten. Die sri-lankesischen Reisedokumente für die Eltern und die drei ältesten Kinder zu organisieren, war äußerst schwer und langwierig, für die beiden jüngsten, in Deutschland geborenen Kinder gar nicht möglich. Als die Eltern endlich die geforderten Papiere vorlegen konnten, um Anträge auf Aufenthaltserlaubnis nach §25a AufenthG, des Gesetzes über den Aufenthalt, die Erwerbstätigkeit und die Integration von Ausländern im Bundesgebiet, stellen zu können, entzog ihnen die Ausländerbehörde der Stadt Leverkusen, wo die Roufs wohnen, die Duldung. Die Duldung wiederum ist eine der Voraussetzungen, um einen Aufenthaltstitel zu erlangen. 

Kein Einzelfall in der Ausländerbehörde

“Damit führt die Ausländerbehörde das Nicht-Vorliegen der Bedingungen für eine Aufenthaltsgenehmigung selbst herbei”, kritisiert Anna Magdalena Papadopoulos vom Flüchtlingsrat Leverkusen. “Diese Praxis haben wir zuletzt sehr oft beobachtet, der Fall der Familie Rouf ist kein Einzelfall.” So seien am Ende bereits gut integrierte Menschen von Abschiebungen betroffen, die eigentlich alle Mitwirkungspflichten und Integrationsleistungen erfüllten.

“Die Ausländerbehörde Leverkusen hat also alles getan, um selbst die Voraussetzungen für die Abschiebung einer gut integrierten Familie in die Wege zu leiten, anstatt ihr eine dauerhafte Bleibeperspektive zu geben, wie es auch im Koalitionsvertrag vorgesehen ist”, ärgert sich auch Gemeindereferentin Marianne Arndt. Sie engagiert sich aus ihrer christlichen Überzeugung heraus schon seit langem für Geflüchtete und begreift ihre ehrenamtliche Arbeit für Mosaik auch als eine seelsorgerische. 

Härtefallkommission bleibt letzte Hoffnung

Im Fall der Familie Rouf hat sie sich längst an die zuständigen Stellen in Leverkusen gewandt. Diese signalisierten ihr freundlich, aber bestimmt, sie hätten bereits alle Papiere für die Abschiebung beisammen. Gleichzeitig riet man ihr, sich doch an die Härtefallkommission des Landes Nordrhein-Westfalen zu wenden. “Sollten sich hieraus Aspekte ergeben, die sich positiv auf die aufenthaltsrechtliche Situation der Familie Rouf auswirken könnten, werde ich diese selbstverständlich prüfen lassen”, heißt es im Schreiben des Sozialdezernats an Marianne Arndt. Auch die Petition an die Härtefallkommission hat sie mittlerweile auf den Weg gebracht.

Inständig hoffen Arndt und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter nun, dass sie das Ruder noch herumreißen können und die Familie am Ende doch bleiben darf. Gründe dafür gäbe es genügend, zum Beispiel auch die gesundheitliche Situation etwa des Vaters, der mit nicht einmal 50 Jahren bereits mehrere schwere Herzoperationen hinter sich hat und den nicht zuletzt die permanente Unsicherheit seiner Familie in Depressionen gestürzt hat. Auch andere Familienmitglieder leiden unter diversen Krankheiten, die in Sri Lanka wohl nicht angemessen behandelt werden könnten.

“Acht Jahre gute Integration für die Mülltonne”

Besonders aber spräche doch auch die außerordentlich gute Integration der Kinder für ein Bleiberecht für die ganze Familie, meint Arndt. So hat Ruhaims ältere Schwester Ramla die Realschule erfolgreich abgeschlossen und bereitet sich jetzt aufs Abitur vor. Sie will Psychologin werden. Um ihre Bleibechancen zu verbessern, hätte sie die Abi-Pläne aber auch vertagt und erst einmal eine Ausbildung angefangen. Sie hätte sofort anfangen können, bekam aber keine Arbeitserlaubnis. Gerade mit Blick auf den viel zitierten Fachkräftemangel nennt die Flüchtlingshelferin die Abschiebepläne “eine Vollkatastrophe”, auch aus ökonomischer Sicht. “Wenn sie junge Menschen, die sich über acht Jahre integriert haben, jetzt ausweisen, schmeißen sie doch acht Jahre Engagement von Lehrern und Kindergärtnerinnen einfach in die Mülltonne.” Unverantwortlich sei das.

Unterdessen freut sich Ruhaim mit strahlender Miene, dass so viele Menschen ihm und seiner Familie auf dem Schulhof ihre Solidarität gezeigt haben. “Ich bin so dankbar und ich will unbedingt etwas zurückgeben.” Er glaubt fest daran, dass er dazu in Deutschland die Gelegenheit haben wird. 

Sri Lanka

(KNA) Sri Lanka ist ein Inselstaat östlich von Südindien. Mit einer Länge von rund 430 Kilometern und einer Breite von 225 Kilometern ist die als beliebtes Urlaubsziel bekannte Tropeninsel etwas kleiner als Bayern. Die 22 Millionen Einwohner verteilen sich vor allem auf zwei Ethnien: die im Norden lebenden Tamilen und die Mehrheitsbevölkerung der Singhalesen. Tamil und Singhala sind die beiden Landessprachen. Englisch ist weit verbreitet.

Zwei Drittel der Sri Lanker sind Buddhisten, 12 Prozent sind Hindus.


Quelle:

www.domradio.de