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SportSo viel russische Propaganda steckt in Kadirus WM-Boxkampf in Moskau

So viel russische Propaganda steckt in Kadirus WM-Boxkampf in Moskau

Stand: 10.07.2026 • 17:56 Uhr

Der Hamburger Peter Kadiru erhält am Samstag die sportlich größte Chance seines Lebens. Doch sie kommt mit fadem Beigeschmack: Sein Boxkampf um den WM-Titel im Schwergewicht findet trotz Krieg in Moskau statt.

Die Luft ist klirrend kalt, die Stimmung gespannt. Man sieht den beiden Reitern an, dass sie auf eine Schlacht warten. Schneeflocken wehen um ihre Gesichter. “Go Peter, let’s write legacy”, sagt der Mann links und legt seinem Gefährten väterlich die Hand auf die Schulter: “Lass uns Geschichte schreiben.” Peter, eingehüllt in einen kriegerischen Pelzmantel, holt tief Luft. Sein Atem bildet kleine Wolken vor seinem Gesicht. Dann reitet er gemächlich los, seinem Kontrahenten entgegen, der mit grimmigem Blick auf ihn wartet. Im Hintergrund thront die eingeschneite Moskauer Basilius-Kathedrale mit ihren berühmten Zwiebeltürmen – mystisch und mächtig, doch auch märchenhaft schön.

Peter, das ist Peter Kadiru, ein 29 Jahre alter Schwergewichtsboxer aus Hamburg, und der väterliche Reiter neben ihm ist Florian Winter, sein Heidelberger Box-Promoter. Der Mann mit dem grimmigen Blick ist Murat Gassiev, Box-Weltmeister aus Ossetien, Russland. Die beschriebene Szene stammt aus einem Werbeclip für den Titelkampf im Schwergewicht nach Version der WBA, der an diesem Samstag in Moskau stattfinden soll. Das Video spielt mit einer Sicht auf Russland, die dem Kreml gefallen dürfte – auch wenn dem Produzenten keine Absicht zu unterstellen ist.

Osteuropa-Historiker: “Eine moralische Bankrotterklärung”

“Russland-Kitsch” nennt das Osteuropa-Historiker Prof. Dr. Klaus Gestwa von der Universität Tübingen und zitiert damit seinen Kollegen Prof. Dr. Karl Schlögel. Gestwa forscht schon lange zu russischer und sowjetischer Propaganda. “Hier wird mit den in Deutschland sehr populären Russlandbildern gespielt”, sagt der 63-Jährige. “Schnee und Eis, die berühmte Kälte, im Hintergrund die Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz. Hier geht es um den Kreml, hier geht es um Moskau, hier geht es um das Machtzentrum Russlands.” Eine Ästhetik, die Stolz und Kraft vereint – Russland als geheimnisvolle Großmacht.

Mit diesem Austragungsort macht man deutlich: Die westlichen Sanktionen können uns nichts anhaben, weder im Sport, noch in der Wirtschaft.

Osteuropa-Historiker Prof. Dr. Klaus Gestwa

Dass am Ende des Videos der Name des Austragungsortes – die VTB-Arena Moskau – auftauche, sei eine Verhöhnung der europäischen Sanktionspolitik. Die VTB Bank ist die zweitgrößte Bank Russlands und seit Jahren von der EU mit Sanktionen belegt. “Übrigens eine Bank, mit der sich die Kreml-Elite immer wieder selbst bereichert. Mit diesem Austragungsort macht man deutlich: Die westlichen Sanktionen können uns nichts anhaben, weder im Sport, noch in der Wirtschaft”, so Gestwa.

Der deutschen Berichterstattung unterstellt Gestwa im ARD-Interview eine “gewisse mediale Blindheit” – ein großer Streaming-Dienst wird den Kampf sogar live nach Deutschland übertragen. “Das ist nichts anderes als eine moralische Bankrotterklärung”, findet der Historiker.

Das Werbevideo sei symptomatisch für den Umgang, den westliche Sportfunktionäre, aber auch Teile der Fans und Sportberichterstatter mit Russland trotz seines völkerrechtswidrigen Angriffskriegs gegen die Ukraine pflegen. Es sei eine Mischung aus Naivität und Ignoranz, fasst Gestwa zusammen. “Wir wissen aus der Propagandaforschung der totalitären Diktaturen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Am effektivsten ist die Propaganda, die als Unterhaltung daherkommt.” Das sei gerade im Sport gut umsetzbar.

Team Kadiru will sich auf Sport konzentrieren

Von dieser unterschwelligen Instrumentalisierung will das Team um Peter Kadiru nichts wissen. Der Boxer selbst spricht nur über das Sportliche. Rein juristisch ist die Sache ohnehin klar: Das Auswärtige Amt hat zwar wegen der Gefahr durch Drohnenangriffe und willkürliche Festnahmen eine Reisewarnung für Moskau ausgesprochen, sanktioniert sind Russlandreisen in Deutschland aber nicht. Kadiru darf, wenn er will. Direktflüge gibt es allerdings keine mehr, der Weg führt über Istanbul.

Auf seinem Instagram-Kanal ist Peter Kadiru bereits in Moskau zu sehen, beim Medientermin über den Dächern des Roten Platzes. “Ich selber kann es noch gar nicht richtig glauben”, sagt der 1,94-Meter-Hühne und freut sich: “Das ist mein Moment.” Zur Politik des Gastgeberlandes äußert er sich nicht.

BDB: Sport und Politik voneinander trennen

Unterstützung erhält Kadiru in dieser Haltung vom Bund Deutscher Berufsboxer (BDB). Für den BDB stehe “der Sport im Mittelpunkt”, erklärt Präsident Thomas Pütz gegenüber der ARD. Für ihn ist klar, “dass Sport und Politik möglichst voneinander getrennt werden sollten”. Zudem müsse ein Boxer, der eine solche Chance ablehne, damit rechnen, in der Weltrangliste zurückzufallen “und möglicherweise über Jahre keine vergleichbare Gelegenheit mehr zu erhalten”, so Pütz. Folglich würde der Boxer mit seiner Entscheidung im schlimmsten Fall sogar seine Karriere riskieren.

Auch Kadirus Promoter Florian Winter wischt politische und moralische Bedenken beiseite. Der Kampf sei eine historische Chance für das deutsche Boxen. Mit der Kritik konfrontiert reagiert sein Unternehmen Ringside Zone auf Instagram, man sei sich darüber bewusst, dass ein Kampf in Russland Fragen auslöse: “Das nehmen wir auch ernst. Für uns ist entscheidend: Peter Kadiru tritt dort als Sportler an, nicht als politischer Akteur.”

Doch ist diese Trennung wirklich so einfach möglich?

Nein, sagt Jens Steinigen vom Verein “Athletes for Ukraine”. Der ehemalige Weltklasse-Biathlet und Olympiasieger von 1992 hält dagegen: “Für Russland sind Sportler Diplomaten im Trainingsanzug. Punkt aus. Das ist doch wirklich ein Ammenmärchen, dass da irgendwas getrennt wird”, so Steinigen im ARD-Interview und verweist dabei auf das Propaganda-Spektakel im Moskauer Luschniki-Stadion vom März 2022.

Olympiasieger als Propaganda-Statisten

Damals ließ Wladimir Putin russische Athleten auf der Bühne paradieren: “Mit olympischen Medaillen behangen und dem großen Z (das russische Kriegsbefürworterzeichen, d.Red.) auf der Brust. Ich weiß nicht, ob man es nicht verstehen will oder nicht verstehen kann oder ob es einfach ein Fall von moralischer Gleichgültigkeit ist. Es muss doch jedem klar sein, dass es in Russland eigentlich keine neutralen Sportler gibt.”

Von deutschen Sportlern wünscht er sich mehr Mut zur Haltung. Steinigen weiß, wovon er spricht. Im Jahr 1987 strich die DDR-Nationalmannschaft ihn kurz vor den Olympischen Winterspielen aus dem Kader – weil er sich dem Dopingprogramm verweigert hatte. Der Wert der sportlichen Fairness sei ihm wichtiger gewesen als sein Lebenstraum, sagt er. Erst nach der Wiedervereinigung erhielt Steinigen seine Olympia-Chance: “Seit ich fünf Jahre alt war, habe ich davon geträumt. Hätte es die Wende nicht gegeben, hätte ich Olympische Spiele nie gesehen.” Man könne von Sportlern durchaus erwarten, dass sie moralische Klarheit zeigen, meint er.

Russische Medaillengewinner 2022 im Luschniki-Stadion.

Dennoch sei das Problem “weiter oben angesiedelt. Wir sehen ja, mit welcher moralischen Gleichgültigkeit inzwischen die Sportfunktionäre über das Thema hinweggehen und sukzessive Russland wieder in die Welt des Sports zurückführen.” Das legitimiere die Veranstaltungen auf russischem Boden.

Weltverband legt Austragungsorte für Titelkämpfe fest

Im Fall des WM-Kampfes zwischen Kadiru und Gassiev trifft diese Kritik den Weltverband WBA. Die World Boxing Association hatte Titelkämpfe auf russischem Boden nach Beginn der russischen Vollinvasion zunächst untersagt, die selbst auferlegten Sanktionen – wie auch andere Boxverbände – aber nach und nach ohne öffentliche Erklärung wieder zurückgenommen. Für eine Stellungnahme war die WBA nicht zu erreichen. Fest steht: Mit ihrer Entscheidung öffneten die Verbände die Tür für eine Rückkehr Russlands in die Box-Welt.

Dass die Austragungsorte von Titelkämpfen von den Weltverbänden festgelegt werden, darauf beruft man sich auch beim BDB und stellt sich demonstrativ hinter Kadirus Entscheidung, zum Kampf in Moskau anzutreten. Auch die Ringside Zone schiebt die Verantwortung auf die WBA: Es gehe um einen offiziell angesetzten WM-Kampf eines Weltverbandes. Man habe die Situation sehr sorgfältig geprüft: “sportlich, organisatorisch und sicherheitsbezogen”, heißt es.

Sportlich eine historische Chance

Sportlich ist der Kampf tatsächlich historisch. Nach Max Schmeling und Agit Kabayel könnte Peter Kadiru der erst dritte deutsche Schwergewichts-Weltmeister aller Zeiten werden. Und das, obwohl Kadiru in der WBA-Rangliste nicht in den Top 15 auftaucht. Auf der unabhängigen Boxrec-Rangliste ist er die Nummer 51 der Welt – der Deutsche ist in Moskau krasser Außenseiter. Eine absolute Rocky-Story also, die nur durch die verletzungsbedingte Absage des eigentlichen Herausforderers Toni Yoka zustande kam. Wenige Tage vor dem Kampf bot sich plötzlich die Möglichkeit einzuspringen – Promoter Florian Winter platzierte seinen Schützling als Ersatzgegner um den prestigeträchtigsten Titel im Boxsport.

In der Kampfsport-Szene wird dieser Umstand gefeiert. In den sozialen Medien und auch in der Fachpresse finden sich kaum kritische Stimmen, moralische Bedenken wegen des Austragungsortes gibt es in der Szene anscheinend nicht. “Was für eine Chance für Peter Kadiru am Samstag”, frohlockt beispielsweise Box-Promi Axel Schulz auf Instagram: “Daumen sind gedrückt.”

Umar Kremlews IBA an Veranstaltung beteiligt

Kadirus Gegner Murat Gassiev ist ein bekannter Mann in der Boxwelt. Der Russe aus Wladikawkas war bereits Weltmeister im Cruisergewicht und ist für seine Schlagkraft gefürchtet. Um nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine den Sanktionen gegen russische Sportler zu entgehen, nahm Gassiev im Jahr 2023 zusätzlich zur russischen auch die armenische Staatsbürgerschaft an. Politisch hält sich Gassiev zwar eher bedeckt, eine Nähe zum Regime ist dem 32-Jährigen aber dennoch leicht nachzuweisen. Auf seinem Instagram-Kanal zeigt er sich immer wieder zusammen mit dem russischen Sportfunktionär und Unternehmer Umar Kremlew, zum Beispiel beim Besuch von Weltkriegsveteranen am sogenannten “Tag des Sieges”.

Kremlew ist in der Boxwelt berüchtigt, gilt als großer Putin-Freund und war lange Zeit Mitglied der nationalistischen und putintreuen Rocker-Gang “Nachtwölfe”. Unter seiner Führung verlor der von ihm geführte Amateur-Boxverband IBA seinen Status als olympischer Verband wegen Korruption. Beim Kampf in Moskau tritt die jüngst ins Leben gerufene Profi-Abteilung der IBA aber als Mitveranstalter auf. “Natürlich will man mit dieser Veranstaltung in Moskau auch dem umstrittenen Boxverband IBA noch mal eine gewisse Bedeutung verleihen”, vermutet Historiker Klaus Gestwa.

Kadiru-Gegner lud Putin zu Kampf ein

Und noch ein weiterer deutlicher Hinweis auf Gassievs Rolle in der Kreml-Propaganda ist online zu finden. Erst im April 2026 erhielt er den russischen Verdienstorden für das Vaterland zweiter Klasse. Verliehen vom russischen Machthaber Wladimir Putin höchstpersönlich.

Vor laufenden Kameras des staatlichen Rundfunksenders “IR” lud Gassiev den Diktator damals zu seinem nächsten Kampf ein – dieser solle im Juli stattfinden, erklärte Gassiev: “Wahrscheinlich in Moskau.” Putin quittierte die Einladung mit einem Grinsen: “Dann solltest Du jetzt besser keinen Sekt trinken”, scherzte er in Richtung des Boxers. Am Samstag findet dieser Kampf nun also statt. Gegen einen deutschen Staatsbürger.

Dass Putin die Veranstaltung wirklich besuchen wird, ist zwar unwahrscheinlich, doch der propagandistische Nutzen scheint für Osteuropa-Historiker Klaus Gestwa dennoch offensichtlich. “Wir werden die deutsche Nationalhymne in Moskau hören”, blickt er voraus. “Wir werden die Flaggen haben auf beiden Seiten. Wir werden das sportliche Miteinander haben, den fairen Umgang.” Russland werde den Boxsport nutzen, um eine “deutsch-russische Freundschaft und Verbundenheit” zu zelebrieren. Der Sport sei immer wieder ein Mittel des Kremls, um Risse “im westlichen Lager” zu verstärken oder aufzumachen, so Gestwa. Die so entstehenden Bilder könnten auch in Deutschland propagandistisch genutzt werden.

Eine Marionette der Sport-Propaganda

Die Botschaft jenes Abends werde subtil sein: “Eben, dass man kein Kriegsaggressor, keine Bedrohungsquelle ist, sondern ein weltoffenes, friedliebendes Land, das durch den bösen, bösen Westen in diese Situation hineingetrieben worden ist”, erklärt Gestwa sarkastisch.

Während die Ukraine es mittlerweile schaffe, den Krieg durch Angriffe auf militärisch relevante Ziele in und rund um Metropolen wie Moskau und St. Petersburg in die russische Bevölkerung zu tragen, würden derartige Veranstaltungen dem Volk Normalität vorgaukeln. “Diese große Sportshow, die übertragen wird, wo dann ein deutscher Boxer gegen den bekanntesten russischen Boxer in den Ring steigt – das suggeriert natürlich eine Form von Normalität, die in der konkreten Situation eigentlich gar nicht gegeben ist. Damit macht sich der Promoter von Kadiru auch zu einem Instrument der Kreml-Propaganda.”

Peter Kadiru und sein Team könnten in diesem Moment nichts mehr tun, um das zu verhindern, meint Gestwa. “Sie haben überhaupt keine Kontrolle, welche Bilder von ihnen in die Welt gesetzt werden. Der Sportler wird zu einer Marionette der russischen Sportpropaganda, oder eigentlich ist er es schon. Und mir tut das eigentlich leid.”

Staatsministerium für Sport in Sorge

Auch im Staatsministerium für Sport und Ehrenamt teilt man die Sorge vor einer Instrumentalisierung des Sportlers. Auf ARD-Anfrage heißt es: “Aus unserer Sicht besteht ein erhebliches Risiko, dass der geplante Wettkampf um den Titel des Schwergewichts-Weltmeisters mit deutscher Beteiligung am 11. Juli in Moskau durch Russland für propagandistische Zwecke missbraucht wird.” Das Ministerium unterstütze die Position derjenigen Sportverbände, die die bislang geltenden Restriktionen gegen Athletinnen und Athleten aus Russland aufrechterhalten, heißt es aus dem Bereich der Staatsministerin.

Wer dort war, kann nicht neutral sein.

Jens Steinigen, Athletes for Ukraine

Für Olympiasieger Steinigen sind vor allem die Egoismen des Profisports schwer erträglich. “Ich habe kein Verständnis dafür, dass man da gleichgültig seinen persönlichen Erfolg über das Leid anderer setzt”, sagt er. Bei seinem jüngsten Besuch in der Ukraine hatte der 59-Jährige eine Kinder- und Jugendsportschule in Tschernihiw nahe der russischen Grenze besucht, deren Infrastruktur gleich zu Beginn der Vollinvasion durch Russland zerstört worden war.

“Ich habe mittags mit den Kindern ein Training gemacht. Nach einer halben Stunde mussten wir das Training abbrechen, weil Luftalarm war”, erzählt er. “Wir haben die Kinder eingesammelt, in Sicherheit gebracht und… Mich lässt es bis heute nicht los. Ich habe den Kindern in die Augen geschaut – Hoffnung, Entsetzen, Angst in den Kinderaugen.” Wer das erlebt habe, der könne nicht neutral sein, sagt Jens Steinigen mit Nachdruck. “Dem Sportler möchte ich sagen: Fahr einfach mal in die Ukraine und schau dir das an.”


Quelle:

www.sportschau.de

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