Nach 14 Jahren als Cheftrainer ist für Didier Deschamps bei der “Équipe Tricolore” Schluss. Der “General” führte Frankreich zurück in die Weltspitze – mit der Krönung 2018.
Als der letzte Vorhang fiel, nahm Didier Deschamps, Trainer der französischen Nationalmannschaft, noch einmal alle Schuld auf sich. 4:6 hatten “Les Bleus” gerade im Spiel um Platz drei, diesem Spiel der Halbfinal-Verlierer, diesem Spiel, das eigentlich kein Team spielen möchte, gegen England verloren, da sprach der mittlerweile 57-Jährige: “Dass wir es nicht geschafft haben, ist natürlich meine Schuld.”
Es passt zu Deschamps, dass er zum Schluss seiner 14 Jahre im Amt als Nationaltrainer Frankreichs eine solche Partie, vor allem eine solche erste Halbzeit, in der die Franzosen vier Treffer kassierten und damit genauso viele wie im gesamten Turnier zuvor, nicht einfach abmoderierte, frei nach dem Motto: Ist doch sowieso nicht so wichtig, ist ja nur das Spiel um Platz drei.
“Es ist das Ende einer Reise”
Nein, Deschamps sind auch Kleinigkeiten wichtig. Deswegen ärgerte ihn auch diese Kleinigkeit. Denn genau mit dieser Herangehensweise hatte er die “Équipe Tricolore” auch all die Zeit gecoacht. Daher stand dieser Schlussakkord eigentlich für alles, wofür der Baske nicht steht: viel Spektakel, noch mehr Chaos – und eine Niederlage.
Und natürlich nahm ihn das alles dann doch ein wenig mit. Tränen vergoss er zwar nicht, allerdings musste er sich nach dem Spiel ordentlich zusammenreißen. “Ich möchte nicht vor euch weinen, aber ich könnte, weil ich so viele tolle Nachrichten bekommen habe”, sagte der 57-Jährige bei der Pressekonferenz. “Es ist das Ende einer Reise.”
Frankreich 2012? Weit von der Weltspitze entfernt
Einer langen und intensiven Reise. Als Deschamps 2012 die “Équipe Tricole” übernahm, war es mitnichten so, als wäre der französische Fußball dereinst in der Weltspitze zu verorten. Hinter “Les Bleus” lag die katastrophale WM 2010 mit dem Bus-Boykott und dem sieglosen Vorrunden-Aus, eine darauf folgende, mühsame Aufarbeitung der Ereignisse in Südafrika, eine zweijährige, komplizierte Zeit unter Laurent Blanc als Trainer und ein verdientes Viertelfinal-Aus bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine.
Wahrlich, zum Fürchten war die französische Auswahl damals nicht. Das sollte sich nach dem Amtsantritt von “Dédé”, wie er in Frankreich genannt wird, ändern. Peu à peu, von Turnier zur Turnier. “Les Bleus” wurden unter Deschamps immer besser. Schon 2014 gab es einen Viertelfinal-Einzug bei der WM in Brasilien, als die Franzosen erst nach einer knappen Niederlage gegen Deutschland ausschieden.
1998 wurde Deschamps als Spieler Weltmeister.
WM-Titel: 1998 als Kapitän, 2018 als Trainer
Bei der Heim-EM 2016 stand Frankreich dank Deschamps dann schon kurz vor dem Titel. Das Finale verlor das Team um Keeper Hugo Lloris bitter und äußerst knapp gegen Portugal. Spätestens da war klar: Die Franzosen sind zurück, das tiefe Tal, in das sich die Auswahl in Südafrika selbst manövriert hatte, ist durchschritten. Dass die Krönung trotzdem so schnell kommen würde, war da dennoch nicht abzusehen.
Es war Deschamps, der ein Team aus starken Einzelkönnern wie dem zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alten Kylian Mbappé zu einer Einheit formte, die auf dem Weg zum Titelgewinn in Russland Argentinien, Uruguay und die goldene Generation Belgiens aus dem Weg räumte und anschließend das Finale gegen Kroatien klar gewann.
2018 folgte als Trainer die Krönung: Weltmeister mit Frankreich.
EM 2021: Kritik an Deschamps
Zwanzig Jahre, nachdem Deschamps Frankreich bei der Heim-WM als Kapitän zum Titel geführt hatte, führte er sein Land als Trainer zum zweiten Sieg bei einer Weltmeisterschaft. Seine persönliche Krönung. Zuvor hatten dieses Kunststück nur Franz Beckenbauer und Mario Zagallo geschafft. Ein exklusiver Klub, in den “Dédé” Einzug erhielt.
Auch wenn anschließend die EM 2021 mit dem Achtelfinal-Aus schiefging und Deschamps wegen der destruktiven Spielweise von “Les Bleus” das erste Mal in der Kritik stand, schaffte “Le Général” etwas, was zuvor 24 Jahre lang niemandem mehr gelungen war: Er führte sein Team nach einem WM-Titel auch vier Jahre später in ein WM-Finale.
In seine Zeit als Trainer fielen auch schwere Zeiten.
Spanien steht zweimal im Weg
Auch, weil er die Kritik nach der verpatzten EM 2021 annahm und noch mehr auf seine furiosen Einzelkönner einging, sie mitnahm, sie forderte und förderte. Kurz: Weil er stets für seine Spieler da war und für sie einstand. Die dankten es ihm mit einer irrsinnigen Konstanz auf höchstem Niveau.
In Katar ging das Finale 2022 zwar gegen Argentinien verloren, Frankreich hatte aber bewiesen, dass es aus den Fehlern gelernt hatte. Ab diesem Zeitpunkt war die “Équipe Tricolore” bei großen Turnieren nur noch von einem Team zu besiegen: Spanien. Sowohl bei der EM 2024 als auch bei der WM 2026 bedeuteten die Iberer Endstation im Halbfinale für “Les Bleus“.
“Es bleiben unvergessliche Erinnerungen”
Nach 25 Jahren als Spieler und Trainer ist nun Schluss. “Es ist das Schönste, was mir passiert ist. Es hat 25 Jahre meines Lebens eingenommen, und das prägt einen. Es bleiben unvergessliche Erinnerungen”, hatte er schon vor dem Spiel gegen England gesagt.
Am Samstagabend in Miami endete diese überaus erfolgreiche Ära Deschamps nun zwar nicht mit einem letzten Sieg, das änderte aber nichts daran, dass auch diese letzte WM eine insgesamt erfolgreiche war für Frankreich. Das hob nach dem Spiel auch noch einmal sein Kapitän Kylian Mbappé hervor.
“Wir wollten ihm danke sagen, für alles, was er gemacht hat”
“Wir wollten eigentlich für ihn das Spiel gewinnen, ihm ein Geschenk machen”, erklärte der Superstar der Franzosen, der in diesem Tor-Festival gegen England seine Turnier-Treffer Nummer neun und zehn erzielte. “Aber leider hatte man in der ersten Halbzeit das Gefühl, dass wir ihn enttäuscht haben. Wir wollten ihm danke sagen, für alles, was er gemacht hat, aber dieses Spiel wird die Legende von Didier Deschamps nicht beschädigen.”
Das wird es auch nicht. Das kann es auch nicht. Nicht nachdem, was der 57-Jährige in all den Jahren für den französischen Fußball getan hat. Oder wie Deschamps es selbst ausdrückte: “Wir haben den Franzosen positive Emotionen bereitet.” Wie wahr. Nicht nur bei dieser WM. Und der Weg in die Zukunft ist geebnet: “Alle Schlüssel sind da für das französische Team, um weitere Titel zu gewinnen und neue Höhen zu erreichen.” Vor allem dank seiner Arbeit in den vergangenen 14 Jahren.
Quelle:
www.sportschau.de




