Analyse
Die Fußball-WM 2026 hat durchaus begeistert – wenn man das richtige Timing hatte.
104 Spiele, bis zu vier am Tag, Fußball ohne Ende. Einschlafen mit der Live-WM, aufwachen mit den Highlights der Spiele aus der Nacht, tagsüber darüber diskutieren. Dieses Turnier war ein Fest für Fußball-Junkies, für diejenigen, die von einem “Overkill” nichts wissen, die beim FIFA-schen “immer mehr” applaudieren, während andere stöhnen. Die Masse war gigantisch, aber wie gigantisch war die Klasse?
Mit Spanien hat fußballerische Qualität hat zumindest mal das Turnier gewonnen, da ist man sich einig. Und eben nicht Argentinien, das mauerte, kämpfte, am Rande der Legalität und am Ende doch auch etwas zu oft jenseits davon. Ohne den Platzverweis für Enzo Fernandez (90.+3) hätte auch das für den WM-Titel reichen können – so viel zum Thema Klasse.
Zu Beginn der Gruppenphase fehlt der Druck
Ob aber in der Gesamtbetrachtung gut war, was da 104-mal auf den Plätzen in den USA, Kanada und Mexiko passiert ist, ist eine andere Frage. Am Ende geht es um blanke Ergebnisse, Vergleiche zwischen den Turnieren bringen nichts und blankes Spektakel eben auch nichts, wenn unter dem Strich nichts bei rumkommt. War das Spiel um Platz drei jetzt besser als das Finale? Unterhaltsamer sicher, es würde mehr Menschen in den Fußball-Bann ziehen, aber es ist eben kein Qualitätsmerkmal, wenn zwei Teams in Jubel-Trubel-Bronze-Heiterkeit verfallen.
Schwächen und Stärken dieser WM kann man trotzdem ausmachen. Geschadet hat dem Turnier, dass anteilig zu viele Mannschaften in die K.o.-Runde kamen. Bestes Beispiel: Spanien war außergewöhnlich entspannt nach dem 0:0 zum Auftakt gegen Kap Verde, weil es wusste, dass es dann eben alles in den nächsten beiden Spielen richten würde. Um einer der acht besten Gruppendritten zu werden, brauchte es halt nicht allzu viel, das war allen Topteams bewusst, die zu Beginn gestrauchelt waren.
WM bietet mehr Argumente für Aufstockung als für Abbau
Zwei Drittel der Teams kamen weiter, das nahm dann doch ziemlich vielen Spielen den Reiz und sorgte gleichzeitig für ständige Rechnerei bei den Gruppendritten. Ein Fest für Gianni Infantino, denn so kann er wunderbar argumentieren, dass eine weitere Aufstockung auf 64 Mannschaften die beste Lösung sei – denn so kommen wieder nur die beiden Ersten einer Gruppe weiter und die Spiele hätten zu Beginn mehr Wumms. Ein Hoch auf das FIFA-sche “immer mehr”.
Auch schon ab der K.o.-Runde gab es “immer mehr” – und zwar Spannung. Im Sechzehntelfinale fielen fünf entscheidende Tore ab der 86. Minute, dazu gab es drei Elfmeterschießen und zwei Entscheidungen in der Verlängerung, diese zusätzliche Phase kann man also als Gewinn lesen. Und die “Aufblähung” der WM im Endeffekt auch, denn es hätte ohne sie wohl nie eine Partie wie Argentinien gegen Kap Verde (3:2 n.V.) gegeben, die einer der Höhepunkte des Turniers war.
Einige Außenseiter nutzen bisher einmalige Chance, Superstars glänzen
Die “Kleinen” bekamen die Chance, auf größter Bühne über sich hinauszuwachsen – einige schafften das beeindruckend, andere machten, was von ihnen erwartet worden war. Ein Fest für jeden, dessen Herz grundsätzlich für Underdogs schlägt. Aber dieses Fest war eben vorbei, als die “Großen” den Ausgang des Turniers unter sich ausmachten. Und als auch die Gastgeber Mexiko, Kanada und USA im Achtelfinale schlagartig feststellen mussten, dass sie nicht dazugehören.
Die Top vier der Weltrangliste waren die Top vier dieser WM. Und die Offensiv-Superstars der Welt waren die Offensiv-Superstars der WM: Lionel Messi, Kylian Mbappé, Michael Olise, Erling Haaland, Harry Kane, Jude Bellingham. Schon fast kurios, dass ein Spieler, der in dieser Riege erwartet worden war, Weltmeister wurde, obwohl er den individuellen Erwartungen nicht ganz gerecht geworden war: Lamine Yamal. Am Ende holt man eben doch als Mannschaft den Titel, nicht als Einzelkönner. Ein Fest für Teamplayer.
Weitschüsse, Joker und Eigentore – die WM der Volltreffer
Das Muster ist deutlich: Es war für jeden was dabei, jeder konnte sein persönliches Fest feiern. Sämtliche Rekorde sind gefallen, weil es so viele Spiele gab – die meisten Tore, die meisten Fans, die meisten dies, die meisten das. Doch auch der etwas tiefere Blick gab da einiges her, durchschnittlich fielen seit der WM 1970 nicht so viele Tore (2,9) pro Partie wie in den vergangenen sechs Wochen. Spektakel wurde also nicht nur im Wettballern um Platz drei geboten.
Dass der Anteil an Jokertoren (19 Prozent) so hoch war, gab dem Ganzen noch den Spannungskick, schließlich war da auch viel Entscheidendes in den Schlussphasen dabei – zu guter Letzt der Treffer von Ferran Torres, der Spanien zum zweiten Mal zum Weltmeister machte. 14 Prozent Weitschuss-Tore sind auch ein außergewöhnlich hoher Wert.
Fans von Standards und Umschaltspiel kamen nicht so auf ihre Kosten
Am Ende gibt es dann aber doch zwei Lager, die nicht so sehr auf ihre Kosten gekommen sind. Nur 20 Prozent der Tore resultierten aus Standards, das Frickeln an diesen Situationen war also nicht so erfolgsfördernd wie erwartet. Taktikfüchse könnte auch die geringe Anzahl an Kontertoren (acht Prozent) stören, weil das schnelle Umschaltspiel doch eigentlich der Schlüssel zum Erfolg im aktuellen Fußball-Kosmos sei. Nicht bei dieser WM.
Es gab nicht die eine Erkenntnis, nicht den einen Trend. Sportlich bleibt vor allem hängen, das für alle etwas dabei war. Die Masse hat dafür gesorgt, dass jeder die Möglichkeit hatte, seine Definition von Klasse zu erleben. Es war ein Fest für alle – man musste eben nur zur richtigen Zeit zusehen.
Quelle:
www.sportschau.de





