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"Großes Herz für einen Kinderwunsch" / Katholischer Frauenbund ruft zum Schutz vor Leihmutterschaft auf

DOMRADIO.DE: Wie steht der Katholische Deutsche Frauenbund zum Thema Leihmutterschaft?

Andrea Redding (Vizepräsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes KDFB): Der KDFB beschäftigt sich in regelmäßigen Abständen mit bioethischen Fragestellungen, die gelegentlich eine Revision brauchen, weil sich Zeiten ändern. Im Jahr 2024 haben wir uns sehr intensiv mit Fragen der Leihmutterschaft und unerfülltem Kinderwunsch auseinandergesetzt und es gab in der verbandlichen Debatte eine Differenzierung zwischen dem kommerziellen und dem altruistischen Vorgehen. Nach Abwägung aller Argumente und ethischer Fragestellungen hat sich der KDFB dann für die Fortsetzung des Verbots in Deutschland ausgesprochen.

DOMRADIO.DE: Bei bestehender Rechtslage gehen Paare mit genug Geld dann ins Ausland. Das ist nicht gerecht, oder?

Redding: Nein, überhaupt nicht. Und ehrlicherweise muss man sagen, es ist auch nicht sonderlich verantwortungsbewusst, weil natürlich die globalen Ungleichheiten nochmal deutlich zutage treten.

Bei der kommerziellen Leihmutterschaft stellt sich die Frage, inwiefern Frauen ausgebeutet werden und Frauenkörper quasi zur Reproduktion genutzt werden. Diese Verfügbarkeit und den Reproduktionstourismus heißen wir überhaupt nicht gut.

Andrea Redding

“Das Leiden, das in einem unerfüllten Kinderwunsch liegt, kann man gar nicht wichtig genug nehmen.”

Auf der anderen Seite ist es mir wichtig, zu sagen, dass wir als Frauenbund natürlich ein ganz großes Herz für einen Kinderwunsch haben. Das Leiden, das in einem unerfüllten Kinderwunsch liegt, kann man gar nicht wichtig genug nehmen. Dem muss man mit großer Empathie begegnen, weil das tatsächlich eine Not ist, die Paare, aber auch alleinstehende Personen mit großem Kinderwunsch erleben. 

Wenn wir als KDFB Leihmutterschaft kritisch betrachten, heißt das nicht, dass wir nicht diesen unbedingten Wunsch nach einem eigenen Kind vollkommen nachvollziehbar finden. Und zugleich sagen wir in Abwägung aller ethischen Aspekte, dass es kein Recht auf ein Kind und schon gar nicht auf ein gesundes Kind geben kann.

DOMRADIO.DE: Warum sollte es dann nicht die altruistische Form der Leihmutterschaft geben, bei der eine Frau aus persönlichen Gründen, weil sie etwas Gutes tun will, das Kind für ein Paar austrägt und bei der keine Bezahlung stattfindet? Das würde auch der kommerziellen Leihmutterschaft wie in den USA entgegenwirken.

Redding: Auf den ersten Blick gebe ich Ihnen vollkommen recht, könnte das der Ausweg sein. Trotzdem entsteht so ein Macht- und Dankbarkeitsverhältnis. Eine Schwangerschaft ist so ein intimer und privater Vorgang, dass es schwierig ist, staatlich zu regeln, was altruistisch ist und was nicht.

Wir haben darüber lange diskutiert und wir haben großes Verständnis für Konstellationen, in denen beispielsweise der Bruder homosexuell ist und sich mit seinem Mann ein Kind wünscht. Oder die beste Freundin keine Kinder bekommen kann und man ihr vielleicht eine Eizelle spenden möchte. Jeder kann die Not fühlen. Trotzdem kann der Staat das nicht regeln und die Sicherheit bieten, dass an dieser Stelle Macht nicht missbraucht wird, Frauenkörper nicht zur Produktion herangezogen werden und am Ende von diesem Altruismus, von dem man von außen ausgehen musste, nicht so viel übrigbleibt, weil es vielleicht doch eine Gegenleistung gibt.

DOMRADIO.DE: Aber muss denn der Staat alles regeln? Darf man den Frauen nicht zutrauen, dass sie das in Erwägung aller Aspekte für sich selbst entscheiden können? 

Andrea Redding

“Natürlich können Frauen ihre eigenen Entscheidungen treffen, das ist überhaupt keine Frage. Aber der Staat ist dafür verantwortlich, dass der Raum für diese eigenen Entscheidungen da ist und geschützt wird.”

Redding: Ja, das muss der Staat leider nach wie vor. Aus der feministischen Expertise unseres Verbandes können wir es gar nicht anders sagen, weil tatsächlich die Ausbeutungsgefahr an der Stelle sehr hoch ist. Natürlich können Frauen ihre eigenen Entscheidungen treffen, das ist überhaupt keine Frage. Aber der Staat ist dafür verantwortlich, dass der Raum für diese eigenen Entscheidungen da ist und geschützt wird.

Gerade bei den bioethischen Fragen am Lebensbeginn sind wir schnell bei der Idee der reproduktiven Selbstbestimmung und dass jede Frau selbst entscheiden soll. Aber unsere gesellschaftlichen Strukturen garantieren leider nicht, dass die Frauen immer dazu in der Lage sind. Sondern da gibt es Männer, die im Zweifel diese Entscheidung treffen oder darauf einen starken Einfluss nehmen. Und an der Stelle muss der Staat die Frauen vor Ausbeutung schützen.

DOMRADIO.DE: Wäre dann nicht aus Ihrer Perspektive ein Komplettverbot von Leihmutterschaften erstrebenswert – so wie in Italien, wo unter Ministerpräsidentin Meloni die Nutzung von Leihmutterschaften auch im Ausland unter Strafe gestellt wurde?

Redding: Tatsächlich ist das nicht die Beschlusslage des KDFB und wir sprechen hier nicht über den Kauf eines Autos oder die Herstellung von irgendwas im Ausland, sondern über echte Kinder. Wir haben in der Corona-Pandemie zum Beispiel gesehen, was passiert, wenn Kinder, die aus Leihmutterschaft entstanden sind, nicht abgeholt werden können. Das sind Dramen und das hat Folgen für alle Seiten.

Deshalb finde ich es schwierig, das generell unter Strafe zu stellen, weil da ein Kind entstanden ist, das von einer Person oder einem Paar gewünscht wird und mit diesem Kind muss etwas passieren. Ich denke, die aktuelle Gesetzeslage ist tatsächlich noch die tragfähigste, auch wenn sie die Lücke hat, dass Leihmutterschaft derzeit eine Frage des Geldes ist.

DOMRADIO.DE: Haben Sie denn einen kreativen Vorschlag zur Auflösung dieses Dilemmas?

Andrea Redding

Ich glaube, wir müssen einsehen, dass es weder ein Recht auf ein Kind noch auf ein gesundes Kind gibt.”

Redding: Nein. Ich möchte noch einmal betonen: Ich glaube, wir müssen einsehen, dass es weder ein Recht auf ein Kind noch auf ein gesundes Kind gibt. Aber es könnte sich lohnen, über die Altersgrenze bei der Adoption zu sprechen. Die ist in Deutschland recht niedrig, heute bekommen viele Menschen ihre Kinder erst später.

Auch beim Thema Pflegekinder könnte man es Paaren leichter machen, temporär oder langfristig ein Kind aufzunehmen. Das ist dann kein genetischer Nachkomme – wenn ich also den Wunsch nach einem leiblichen Kind habe, ist das keine Lösung.

Aber ich finde, dass Adoption und auch die Annahme eines Pflegekindes, die später oft in eine Adoption mündet, ein probater Weg sein können, für die wir als Gesellschaft noch viel offener werden müssten und wo sich auch der Staat noch mehr engagieren könnte. Ich finde, solche Dinge müssen alle bedacht und diskutiert werden, bevor wir ans Ende der Welt fliegen, um uns dort einen Kinderwunsch zu erfüllen.

Das Interview führte Ina Rottscheidt. 

Katholischer Deutscher Frauenbund

“Wir machen uns stark für Frauen” – Diese Überzeugung war und ist heute noch das Fundament des Katholischen Deutschen Frauenbunds (KDFB), der 1903 von mutigen katholischen Frauen in Köln gegründet wurde. Als katholischer Teil der Frauenbewegung setzte sich der KDFB von Anfang an dafür ein, die Lebensbedingungen von Frauen zu verbessern. 


Quelle:

www.domradio.de