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GesundheitWie Extremwetter die deutsche Landwirtschaft verändert

Wie Extremwetter die deutsche Landwirtschaft verändert

Die Hitzewelle Ende Juni kam für viele Landwirte zur Unzeit. Während Gerste in vielen Regionen Deutschlands bereits erntereif war, traf die Trockenheit andere Kulturen in einer besonders empfindlichen Entwicklungsphase. “Dieses Jahr ist wieder ein schwieriges Jahr für die Betriebe”, sagt Horst Gömann von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen (NRW) im Interview mit der DW.

Besonders betroffen ist der Mais. Die extreme Hitze fiel mit der Blütezeit zusammen. “Wir beobachten hier und da schon, dass der Mais keine Kolben ausbildet. Das ist natürlich eigentlich ein Totalausfall”, sagt Gömann. Die Energie stecke beim Mais in den Kolben. Fehlen sie, brechen die Erträge massiv ein.

Andere europäische Anbauregionen wurden durch die Hitzewelle im Juni mit Spitzentemperaturen von über 40 Grad noch stärker getroffen. Nach einer aktuellen Analyse des europäischen Verbands der Getreidehändler, Coceral, wurde dadurch der Wert der Getreideernte in Europa um mehr als zwei Milliarden Euro reduziert, wobei Frankreich und Ungarn die größten Verluste hatten.

Wegen der Hitzewelle reduzierte Coceral seine Erwartungen an die Getreideproduktion in der EU und im Vereinigten Königreich um knapp neun Millionen Tonnen nach unten – ein Rückgang von drei Prozent. Das Londoner Analyseinstitut Energy and Climate Intelligence Unit (ECIU) rechnet mit einem Minus von fünf Prozent. Den größten Anteil an der gesenkten Getreideprognose für Europa hat Mais, auf den rund die Hälfte der Korrektur entfiel.

Hitze lässt Getreide früh abreifen

Auch bei Weizen und Gerste hinterließ die Witterung Spuren: Teilweise wurde Gerste mehrere Wochen früher geerntet als üblich. Nach Einschätzung von Horst Gömann von der Landwirtschaftskammer NRW dürfte die Gerstenernte leicht unterdurchschnittlich ausfallen. Beim Weizen rechnet er mit Einbußen von etwa zehn Prozent.

Blick auf Getreideähren aus der Untersicht vor einem bewölkten Himmel
Getreidefeld vor der Ernte in HessenBild: picture-alliance/dpa/F. Rumpenhorst

Eine wichtige Anpassungsstrategie sei deshalb die Risikostreuung. Statt nur eine Sorte anzubauen, setzen viele Betriebe auf unterschiedliche Sorten mit verschiedenen Reifezeitpunkten. “Man weiß nie, wann so eine extreme Hitze kommt”, erklärt Gömann. Wer mehrere Sorten anbaue, verteile das Risiko über verschiedene Entwicklungsstadien.

Gerste habe dabei einen natürlichen Vorteil. Sie entwickelt sich früher als Weizen und schließt die Kornbildung häufig ab, bevor die große Frühsommertrockenheit einsetzt.

Obstbau kämpft mit Spätfrost und Sonnenbrand

Während auf dem Acker Trockenheit die Ernte gefährdet, ist beim Obstanbau später Frost gefürchtet. Durch den Klimawandel und milde Winter-Temperaturen bilden sich Blütenknospen, aus denen die spätere Frucht entsteht, früher. Frostnächte sind aber bis weit ins Frühjahr möglich.

Viele Obstbauern schützen ihre Blüten deshalb mit einer Frostschutzberegnung. Dabei wird Wasser über die Blüten gesprüht, sodass sich eine Eisschicht bildet. “Innen drin hält sich dann noch so viel Wärme, dass die Temperaturen nicht so tief absinken wie ohne Frostschutzberegnung”, erklärt Gömann. Und bei langen Trockenperioden im Sommer können Obstbetriebe diese Anlagen zur Bewässerung nutzen.

Vereiste Pfirsichblüten nach einer Frostschutzberegnung
Vereiste Pfirsichblüten nach einer Frostschutzberegnung Bild: Sebastian Willnow/dpa/picture alliance

Auch gegen Hitze gibt es technische Lösungen. Hagelschutznetze dienen heute nicht nur dem Schutz vor Unwettern. Sie beschatten die Früchte und verhindern Sonnenbrand.

Außerdem wird beim Obst- und Weinanbau bereits mit halbtransparenten Photovoltaik-Folien experimentiert (siehe Artikelbild). Sie erzeugen Strom, schützen die Pflanzen vor zu viel Sonneneinstrahlung und lassen gleichzeitig genügend Licht durch.

Beregnung lohnt sich nicht überall

Nach Ansicht Gömanns ist Bewässerung zwar ein wichtiges Instrument, wirtschaftlich aber nicht immer sinnvoll. Gemüse, Kartoffeln oder Obst erzielen hohe Erlöse und rechtfertigen die Investitionen. Bei Getreide oder Mais lohne sich Bewässerung nicht: “Die Kosten sind einfach zu hoch”, sagt er.

Das Wasser stammt überwiegend aus dem Grundwasser. Deutschland sei trotz häufiger auftretender Dürreperioden kein wasserarmes Land. “Wir haben ja grundsätzlich genug Wasser in Deutschland, immer noch”, betont der Agrar-Experte. Das Problem sei vielmehr die ungleiche Verteilung. Viel Regen falle im Winter, während im Sommer zunehmend Trockenphasen auftreten.

Neue Sorten für ein wärmeres Klima

Eine zentrale Rolle spielt die Pflanzenzüchtung. Schon heute werden in Nordrhein-Westfalen Sorten angebaut, deren genetische Wurzeln in wärmeren Regionen Europas liegen.

Ein Wassersprenger bewässert ein Feld mit Kartoffeln in der Region Hannover
Bewässerung eines Kartoffelfelds in NorddeutschlandBild: Julian Stratenschulte/dpa/picture alliance

“Wir nutzen beim Weizen beispielsweise schon viel Genetik aus Frankreich”, sagt Gömann. Die dortigen klimatischen Bedingungen hätten sich mittlerweile teilweise nach Deutschland verlagert.

Getreide mit kürzeren Halmen, so genannte Halbzwerge,  gibt es bereits seit vielen Jahren.  Kurze Halme können deutlich schwerere Ähren tragen, knicken bei Starkregen, Hagel oder Wind nicht so leicht um und brauchen weniger Wasser.

Außerdem wird an Weizensorten geforscht, die tiefere Wurzeln haben. Das Ziel der aktuellen Forschung am bundeseigenen Julius Kühn-Institut für Kulturpflanzen ist es, Weizen zu entwickeln, dessen Wurzeln dynamisch auf Trockenheit reagieren: Sie wachsen erst dann gezielt in die Tiefe, wenn das Wasser in der obersten Bodenschicht knapp wird.

Weizen-Erträge: in Deutschland fast dreimal höher als in den USA

In Deutschland lag die Ernte 2025 deutlich über dem Durchschnitt, daher bewegen sich die für das laufende Jahr erwarteten Mengen immer noch im normalen Bereich einer durchschnittlichen Jahresernte. Und dass Deutschland nach wie vor zu den besten Regionen der Welt für die Landwirtschaft zählt, zeigt der Vergleich mit der Weizen-Produktion in den USA.

Mähdrescher erntet Getreide auf einem Feld bei Frankfurt. Im Hintergrund: die Türme der Bankenskyline
Getreideernte bei Frankfurt am Main Bild: Boris Roessler/dpa/picture alliance

“Deutschland ist klimatisch sehr begünstigt für Getreide- und Obstanbau”, erklärt Agrar-Experte Gömann. Im Südwesten von NRW sei der Weizenertrag pro Hektar doppelt bis fast dreimal so hoch wie in den USA.

“Hier im Rheinland ernten wir ungefähr zehn Tonnen Weizen auf guten Böden, bei normalen Witterungsbedingungen vielleicht auch mal elf bis zwölf Tonnen pro Hektar. “Und wenn ich mir die Statistiken vom Landwirtschafts-Ministerium in den USA ansehe, sind das dort beim Weizen vielleicht drei bis dreieinhalb Tonnen pro Hektar”.

Soja und Hirse nur Nischenprodukte  

Die Landwirtschaft experimentiert zudem mit neuen Kultur-Pflanzen. Sojabohnen werden inzwischen auch in Teilen Deutschlands angebaut, wenn auch auf sehr kleiner Fläche. Selbst mit der aus trockenen Welt-Regionen bekannten Sorghum-Hirse wird experimentiert – aber ebenfalls in sehr kleinem Maßstab. Auch der Weinbau dringt langsam weiter nach Norden vor – ein sichtbares Zeichen für die Verschiebung der Vegetationszonen.

Mindestens ebenso wichtig wie neue Sorten ist für Gömann der Zustand der Böden. Entscheidend sei, Verdichtungen zu vermeiden, damit Wurzeln tief in den Boden vordringen können.

Landwirte hätten sich schon immer an veränderte Bedingungen anpassen müssen, sagt Gömann. Neu sei jedoch das Tempo. Während sich Klimaveränderungen früher über Generationen vollzogen hätten, seien sie heute innerhalb weniger Jahrzehnte spürbar. “Das Ganze passiert momentan recht schnell”, sagt er.

Klima verändert sich schneller

Gleichzeitig habe die moderne Landwirtschaft deutlich bessere Möglichkeiten als frühere Generationen. Neue Sorten entstehen innerhalb weniger Jahre, internationale Züchtungsunternehmen arbeiten kontinuierlich an Pflanzen, die toleranter sind gegen Trockenheit und Hitze.

Fest steht für den Agrar-Experten: Die Häufung extremer Jahre ist kein Zufall. Die ausgeprägten Trockenjahre 2018 und 2019, aber auch die jüngsten Hitzewellen seien Teil eines Trends. “Das kann man sicherlich dem sich abzeichnenden Klimawandel zuschreiben”, sagt Gömann. Die Landwirtschaft muss sich also weiter anpassen – so wie sie es seit Jahrhunderten getan hat. Allerdings deutlich schneller als früher.

 


Quelle:

www.dw.com