Tourreporter
Das deutsche World-Tour-Team Lidl-Trek wird auf dem Podium in Paris als bestes Team der Tour de France geehrt werden. Auch das Grüne Trikot gewinnt mit Mads Pedersen ein Fahrer des Teams, das hinter den Kulissen umgebaut wird.
Mads Pedersen hat den Deckel draufgemacht. Das Grüne Trikot ist ihm schon nach der Königsetappe nicht mehr zu nehmen. Der Däne wird also – sofern er die Ziellinie dort überquert – am Sonntagabend in Paris auf dem großen Podium auf den Champs-Élysées stehen und das Maillot Vert tragen.
Pedersen hat aufopferungsvoll gearbeitet für diesen Preis. Auf allen drei schweren Alpenetappen zum Finale der Tour kämpfte er sich einen oder mehrere Berge in Spitzengruppen hinauf, um sich die 25 Punkte im Zwischensprint zu sichern. Aus den knapp sieben Punkten Vorsprung auf Jasper Philipsen nach 17 Etappen sind 82 geworden. Der erwartete Showdown um Grün in der französischen Hauptstadt bleibt aus. Dort sind nur noch 75 Zähler zu vergeben.
Grün, Teamwertung und Etappensieg – mehr geht kaum
“Das macht mich sehr stolz. Ich habe es oft versucht und jetzt endlich geschafft. Es war ein hartes Stück Arbeit”, sagte Pedersen nach der 20. Etappe im Ziel in Alpe d’Huez. Pedersen wird in Paris auch noch ein zweites Mal hinaufsteigen auf das Podium in Paris. Das Team Lidl-Trek wird auch die Mannschaftswertung gewinnen und die Tour endgültig zu einem Riesenerfolg machen für das deutsche World-Tour-Team.
Das Grüne Trikot, die Teamwertung, ein Etappensieg von Pedersen und mit Mattias Skjelmose und Juan Ayuso gleich zwei Fahrer des Teams in den Top Ten des Gesamtklassements – eine mehr als außergewöhnliche Bilanz.
Die Auszeichnung als bestes Team der Tour ist da irgendwie logisch. Obwohl es die einzelnen Fahrer sind, die den Radsport in der öffentlichen Wahrnehmung prägen, in einer Sportart, in der der Einzelne jedoch ohne die Mannschaft nicht reüssieren kann. Das Team Red Bull-Bora-hansgrohe etwa wird als deutsche Equipe wahrgenommen, aber es sind der tragisch aus der Tour gestürzte Florian Lipowitz und Remco Evenepoel, die das Bild der Mannschaft bei dieser Tour bislang geprägt haben.
Das Team gehört jetzt Lidl
Weitgehend unbemerkt ist deshalb geblieben, dass Lidl-Trek inzwischen ebenso eine deutsche World-Tour-Mannschaft ist. Das Team fährt seit Beginn der Saison unter deutscher Lizenz. Das mag eine rein formale Angelegenheit sein, aber tatsächlich verlagert sich das Zentrum des Teams zunehmend nach Deutschland.
Das Radsportteam ist seit vergangenem Jahr im Besitz der Supermarktkette Lidl, die zur Schwarz-Gruppe gehört, die 2025 einen Gesamtumsatz von 185,6 Milliarden Euro verzeichnete. Die Übernahme der Mehrheitsanteile war mit der klaren Zielsetzung verbunden, das erfolgreichste Team im internationalen Straßenradsport zu werden. Und dafür wird das Team hinter der Mannschaft gerade mächtig umgebaut.
Der langjährige Teammanager Luca Guercilena muss das Team nach der Tour verlassen. Den Posten übernimmt dann sein bisheriger Stellvertreter Andy Schleck. Dem Luxemburger wurde 2010 nachträglich der Toursieg zugesprochen, nachdem dem Spanier Alberto Contador der Sieg wegen Dopings aberkannt worden war. Und Schleck hat die Vorgabe des Teambesitzers schon verinnerlicht. “Wir wollen das beste Team in der World Tour werden. Das ist meine klare Mission”, sagt er im Gespräch mit der Sportschau. Der Luxemburger war schon während der Tour der erste Ansprechpartner, Guercilena nur zum Grand Départ in Barcelona zugegen.
Prominente Verpflichtungen für die sportliche Leitung
Der Umbau betrifft aber nicht nur die Position an der Spitze. Ab August soll Grischa Niermann, der langjährige Sportliche Leiter des niederländischen Teams Visma–Lease A Bike, den Posten des Sportdirektors übernehmen. Der deutsche Ex-Profi gilt als Mastermind hinter den beiden Toursiegen des Dänen Jonas Vingegaard. Außerdem wechselt Dan Lorang zum Lidl-Trek-Team. Der Luxemburger war bislang Cheftrainer bei Red Bull-Bora-hansgrohe und führte einst die Triathleten Anne Haug und Jan Frodeno zu ihren Weltmeistertiteln im Ironman.
Lorang soll das neue “Performance Center” leiten, das gerade am Firmensitz von Lidl in der Nähe von Heilbronn entsteht – gemeinsam mit Holger Broich, der bis 2024 Leiter der Abteilung Wissenschaft, Leistungsdiagnostik und Fitness beim FC Bayern München war. In der neuen Zentrale des Teams werden die Fahrer trainieren und sich Leistungstests unterziehen. Auch die Logistik des Teams soll von dort aus gesteuert werden. Als erste Mannschaft beschäftigt Lidl-Trek zudem einen festangestellten Sportpsychologen, den ehemaligen Radprofi Dominic Klemme.
Der Umbau ist nicht unumstritten
“Ich versuche, das Team mit den besten Leuten aufzubauen”, sagt Schleck. Der personelle Umbruch ist nicht unumstritten. Vor allem das Aus für Guercilena hat in der Branche für Verwunderung gesorgt. Der Italiener gilt unter den Fahrern als sehr beliebt und hat das Team in den vergangenen Jahren an jenen Punkt gebracht, an dem es jetzt ist.
“Unser bisheriger Manager Luca hat dieses Team in den letzten 15 Jahren aufgebaut. Man kann nicht einfach kommen und alle Personen austauschen”, sagte Mads Pedersen während der Tour gegenüber der Sportschau. Und nachdem das Grüne Trikot und die Teamwertung gesichert waren, betonte er: “Das ist das letzte Rennen mit Luca als Teammanager. Das ist das beste Geschenk, das er bekommen kann. Nicht nur das Grüne Trikot, sondern mit uns als Team auf dem Podium zu stehen. Das wird ein besonderer Moment.”
Es wird also auch einiges an zwischenmenschlicher Arbeit notwendig sein in den kommenden Monaten. Aber um das beste Team der Welt zu werden, braucht es vor allem das entsprechende Personal auf der Straße. Und dabei – das macht Schleck auch klar – spielt die Nationalität keine Rolle. “Wir verpflichten Fahrer anhand von Potenzial, anhand von Mindset, ihrer Passion und ihren Zielen”, sagt Schleck.
Drei deutsche Radprofis gehören derzeit zum Kader des Teams. Neben dem jungen Tim Torn Teutenberg (24) sind das Sprinter Max Walscheid und Lennard Kämna. Letzterer war ursprünglich für die Tour de France eingeplant, doch am Ende reichte die Form des Bremers nicht. Kämna ist nach seinem schweren Trainingsunfall mit einem Auto im April 2024 noch nicht wieder zu seiner alten Verfassung zurückgekehrt. Dennoch will Schleck den Touretappensieger von 2020 nicht abschreiben. “Lenny ist ein Riesenprojekt für uns. Wir werden ihn aufbauen”, sagt der neue Teamchef.
Von den Klassikern zu den großen Rundfahrten
Das Projekt “Bestes Team der Welt” bedeutet aber auch eine grundsätzlich neue Ausrichtung. Bisher habe der Fokus sehr stark auf den Frühjahrsklassikern gelegen, um Mads Pedersen den lang ersehnten Sieg bei einem der Monumente des Radsports wie der Flandern-Rundfahrt oder Paris-Roubaix zu ermöglichen.
“Das bleibt natürlich auch ein primäres Ziel für uns”, sagt Schleck. “Aber trotzdem, wir haben nicht einen Ayuso ins Team genommen, um uns nur auf die Monumente und Klassiker zu fokussieren. Es geht schon in Richtung Grand Tour und die Tour de France. Und das je früher, desto besser.” Das beste Team der Tour de France zu werden, soll nur der Anfang gewesen sein.
Quelle:
www.sportschau.de





