Fragt man Menschen auf der Straße, was ihnen zu den Mormonen einfällt, kommt fast immer dieselbe Antwort. Die Vielehe. Männer mit mehreren Frauen, irgendwo in der Wüste von Utah.
Oliver Koch kennt diese Antwort. Der evangelische Pfarrer und Referent für Weltanschauungsfragen beim Zentrum für Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau beginnt seine Vorträge über neureligiöse Bewegungen gern mit genau dieser Frage, weil die Antworten so zuverlässig danebenliegen. “Der Hauptstrang der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage hat keine Vielehe mehr”, sagt er. Die Hauptkirche hat die Praxis 1890 offiziell aufgegeben. “Es hält sich hartnäckig, und das ist einfach nicht mehr realistisch.”
Was aber bleibt, wenn das bekannteste Merkmal wegfällt? Eine Glaubensgemeinschaft mit weltweit fast 18 Millionen Mitgliedern, rund 40.000 davon in Deutschland, die sich selbst als christlich begreift, aber von der übrigen Christenheit trotzdem nicht als Teil der Ökumene anerkannt wird. Genau in dieser Spannung liegt das eigentlich Interessante.
Ein zweites Zeugnis für Christus
Theologisch, sagt Koch, gelten die Mormonen als Neuoffenbarungsreligion. Grundlage ist zunächst die Bibel mit Altem und Neuem Testament. Dazu kommen aber drei weitere Offenbarungsquellen: das Buch Mormon, Lehre und Bündnisse sowie die “Köstliche Perle”. Sie gehen auf Joseph Smith, den Gründer der Bewegung im New York des frühen 19. Jahrhunderts, zurück, der nach eigener Darstellung Offenbarungen durch einen Engel namens Moroni empfing.
Entscheidend ist das Selbstverständnis dieser Schriften: Sie sollen die Bibel nicht ersetzen, sondern ergänzen. Man habe “das Zeugnis von Jesus Christus ergänzt durch ein zusätzliches Zeugnis, was aus ihrer Perspektive auch Jesus Christus bezeugt”, erklärt Koch. Und der Name der größten mormonischen Kirche verrät, wohin das zielt: Heilige der Letzten Tage. Moroni habe durch Smith ein weiteres Zeugnis auf die Erde gebracht, “um sich auf die Wiederkunft Christi vorzubereiten”. Die Bewegung ist von ihrem Ursprung her endzeitlich ausgerichtet.
Wenn Gott heute noch spricht
Der folgenreichste Unterschied zum katholischen Glauben ist damit noch gar nicht benannt. Für Katholiken ist die Offenbarung mit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen. Was danach kommt, ist die Auslegung. Die Mormonen sehen das anders. Sie gehen davon aus, dass Gott auch heute noch spricht, konkret durch die Präsidenten ihrer Kirche. Seit Oktober 2025 ist das Dallin H. Oaks, ein früherer Richter am Obersten Gericht von Utah, der im Alter von 93 Jahren als 18. Präsident und Prophet an der Spitze steht.
Nicht jede Äußerung eines Präsidenten ist Offenbarung. Aber es gibt Weisungen, die verpflichtenden Charakter haben. Wie man sich das praktisch vorstellen muss, wollte Koch bei einem USA-Aufenthalt vor einigen Jahren von einem Mitglied der Führungsebene selbst wissen. Wenn das zuständige Gremium einen neuen Präsidenten bestimme, heiße es ja, dies sei eine von Gott offenbarte Entscheidung, doch woran genau merke man das? Die Antwort fiel bemerkenswert unspektakulär aus. Man habe einfach das Gefühl, es bestehe Einigkeit. “Es ist auf der einen Seite eine emotionale Geschichte”, ordnet Koch ein, “aber auf der anderen Seite schon so, dass man sagt, Offenbarungen sind hier eben noch nicht abgeschlossen.”
Warum die Taufe nicht gilt
An einer Stelle wird die Differenz allerdings sehr konkret: Rom hat die mormonische Taufe 2001 für ungültig erklärt. Wer von den Heiligen der Letzten Tage zur katholischen oder evangelischen Kirche übertritt, muss getauft werden. Der Grund liegt tiefer als in einer Formfrage. Die Mormonen lehnen die Trinität ab, wie sie die Konzilien der Alten Kirche formuliert haben. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind für sie keine drei Personen eines Wesens, sondern getrennte Wesen. “Das ist der Hauptgrund, dass diese Taufe nicht trinitarisch stattfindet”, sagt Koch. Aus weltweit christlicher Perspektive sei sie deshalb nicht anerkennungsfähig.
Eine ausgeprägte Sakramentenlehre nach katholischem Muster gibt es bei den Mormonen nicht. Wohl aber Rituale von sakramentalem Gewicht – und die finden fast alle im Tempel statt. In Deutschland gibt es davon zwei, ein dritter entsteht gerade in Hamburg. Für die Öffentlichkeit sind sie in der Regel verschlossen, nur vor der Weihe eines neuen Tempels darf auch hineinschauen, wer nicht dazugehört.
Was dort geschieht, ist aus katholischer Sicht ungewohnt. Die Taufe für Verstorbene etwa, mit der Vorfahren nachträglich in den Heilsweg einbezogen werden, was der Grund ist, warum die Kirche das größte Genealogie-Archiv der Welt betreibt. Oder die Siegelung von Eheleuten, die nicht bis zum Tod gilt, sondern über ihn hinaus. Familien sollen in der Ewigkeit aneinandergesiegelt zusammenleben. Und schließlich die Vorstellung einer Weiterentwicklung des Menschen, die weit über alles hinausgeht, was christliche Anthropologie kennt. Der Mensch könne, so Koch, “nahezu gottgleich werden”. Unterschiede gebe es damit nicht nur in der Theologie, sondern auch in der Pneumatologie und in der Anthropologie.
Interreligiös statt ökumenisch
Daraus folgt eine Einordnung, die Koch selbst als heiklen Punkt bezeichnet, “weil es schwierig ist, anderen Menschen die Christlichkeit abzusprechen”. Und doch, die Neuoffenbarungen und die Offenbarungsvollmacht des Präsidentenamtes gehören konstitutiv zum Mormonentum, und genau das lehne die ökumenisch verbundene Christenheit ab.
Sein Fazit ist unaufgeregt und deutlich zugleich: “Eigentlich muss man den Mormonismus als eigene Religion sehen, mit amerikanischen Wurzeln und einem klar amerikanischen Einschlag.” Für die Praxis heißt das: “Es gibt keine ökumenische Zusammenarbeit, wohl aber einen interreligiösen Austausch.” Gespräche seien dabei ausdrücklich möglich und gut. Man könne sich mit Mormonen theologisch austauschen, nur eben nicht als Konfession unter Konfessionen.
Das Problem ist nicht die Freizügigkeit
Wer nach dem Klischee der Vielehe nun eine besonders lockere Gemeinschaft erwartet, liegt erneut daneben. Immer wieder tauchen Berichte über Skandale in einzelnen Gemeinden auf, doch mit dem Mainstream hat das wenig zu tun. Im Gegenteil, sagt Koch: “Die haben heutzutage eher mit einer Überethik zu kämpfen.” Den Körper rein halten, den Körper gesund halten – kein Alkohol, kein Kaffee. Dazu eine ausgeprägte Purity Culture, in der Sexualität vor der Ehe keinen Platz hat.
Prägend ist das traditionelle Familienbild. Mann, Frau, möglichst viele Kinder, es gilt als Ideal und spiegelt sich in Tempeln, Ritualen und Alltag. Frauen haben in der Gemeinde eine herausgehobene Rolle und eine eigene, sozial engagierte Vereinigung. Anthropologisch, so Koch, gelte Gleichberechtigung. Auf der Ämterebene aber nicht: Eine Frau kann nicht Präsidentin werden, Bischöfinnen gibt es nicht.
Beim Priestertum hat sich dagegen etwas bewegt. Bis 1978 blieb es Schwarzen verwehrt. Wie die Kirche mit diesem Erbe umgeht, wollte Koch nicht für sie beantworten. Seine eigene Wahrnehmung ist aber eindeutig: Heute seien sie “in keiner Art und Weise mehr rassistisch ausgrenzend”, sondern “ein vielfältiges Völkchen mit vielen People of Color”.
Viel Aufwand, wenig Ertrag
Bleibt die Frage, wie eine Kirche ohne bezahlten Ortsklerus eine Millionengemeinschaft zusammenhält. Koch antwortet trocken: “Ich glaube, die Mormonen haben nicht über Geldmangel zu klagen.” Die Gemeinschaft lege großen Wert auf gute Ausbildung ihrer kinderreichen Familien, entsprechend arbeiteten viele Mitglieder in gut bezahlten Berufen und seien ausgesprochen spendenfreudig. Eine Laienkirche also, die sich über Spenden trägt.
Das öffentlichste Gesicht dieser Kirche sind die jungen Missionierenden, die zu zweit an Haustüren klingeln. Fast alle jungen Mormoninnen und Mormonen absolvieren einen solchen Dienst. Die weltweiten Statistiken der Kirche melden für 2025 eine große Zahl an Übertritten, in Deutschland aber stagnieren die Zahlen, was angesichts der Austrittswellen bei den großen Kirchen für sich genommen schon bemerkenswert sei, so Koch. Das Wachstum komme hierzulande ohnehin kaum durch Mission zustande, sagt er, sondern hauptsächlich über große Familien. “Wenn man mal vergleicht, was das für ein Aufwand es ist, zu missionieren, ist der Output relativ überschaubar.”
Was also bringt der Aufwand? Koch deutet ihn anders, und die Mormonen selbst geben ihm dabei recht. “Unsere Missionszeit war prägend für unser Leben”, höre er in Gesprächen regelmäßig. Die Mission wirkt weniger nach außen als nach innen, sie sei identitätsbildend für die, die sie leisten.
Damit schließt sich der Kreis zum Anfang. Wenn Koch einem christlichen Publikum einen einzigen Irrtum über die Mormonen ausräumen dürfte, wäre es der über die Vielehe. Nicht, weil die Wahrheit harmloser wäre, sondern weil das Klischee den Blick auf das Eigentliche verstellt. Auf eine Gemeinschaft, deren Offenbarung nie zu Ende geht, deren Familien für die Ewigkeit gesiegelt werden und die sich als christlich versteht, während die Christenheit sie als eigene Religion führt. Das ist deutlich sperriger als jedes Klischee. Und deutlich interessanter.
Quelle:
www.domradio.de



