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Holocaust-Gedenktag in Israel: "Wohin man auch ging – dieser Geruch des Todes"

Stand: 14.04.2026 • 05:34 Uhr

Heute gedenkt Israel der Holocaust-Opfer. Zeitzeugen sind dabei wichtige Stimmen, doch es gibt immer weniger, die auf persönliche Art und Weise die Erinnerung wach halten können.

Julio Segador

Wenn heute Vormittag um 10 Uhr für zwei Minuten in ganz Israel die Sirenen heulen, müssen die Menschen nicht in die Schutzräume. Dennoch steht im ganzen Land das Leben still: Es ist Jom haScho’a – der nationale Gedenktag für die sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocaust.

Es ist eine tiefe, emotionale Zäsur in einem Land, das von vielen Überlebenden des Holocaust und deren Nachfahren aufgebaut wurde.

“Jeder Mensch hat einen Namen” – so heißt eine der zentralen Aktionen heute, bei der in der Knesset und überall im Land die Namen der Opfer verlesen werden. Es soll die Anonymität der sechs Millionen durchbrechen und die Einzelschicksale ehren.

Netanjahu traf Holocaust-Überlebende

Bereits gestern traf sich Israels Premierminister Benjamin Netanjahu in seinem Amtssitz in Jerusalem mit Überlebenden des Holocaust. Dabei zog er eine Verbindung zu den Ereignissen während der Zeit des Nationalsozialismus und zu den Kriegen, die Israel aktuell führt.

“Heute jagen wir den Feind. Wir haben ihn daran gehindert, seinen Vernichtungsplan auszuführen, mit einer Streitmacht, die den Staat Israel seit seiner Gründung an die Spitze seiner Macht geführt hat”, sagte er. “Wer hätte vor 80 Jahren geglaubt, dass unsere wagemutigen Pilotinnen und Piloten über dem iranischen Himmel, über Teheran fliegen würden, nicht allein, sondern Seite an Seite mit der größten Macht der Welt, Flügel an Flügel, um den Feind anzugreifen?”

Und direkt an die Überlebenden gewandt, betonte Netanjahu: “Eine enorme Veränderung gegenüber der Situation, die Sie selbst erlebt haben. Das bedeutet, dass das israelische Volk stark und kraftvoll ist. Es wird keinen weiteren Holocaust geben.”

Wie bleiben Zeugnisse der Überlebenden lebendig?

Wie können die Zeugnisse der Holocaust-Überlebenden auch mehr als 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges und der Gräueltaten der Nazis lebendig bleiben?

Immer häufiger gibt es zum heutigen israelischen Holocaust-Gedenktag deshalb den Zikaron BaSalon – übersetzt die Erinnerungen im Wohnzimmer. Die Holocaust-Überlebenden erzählen bei sich zu Hause – meist in einer sehr persönlichen Atmosphäre – aus ihrem Leben. Es gibt Lieder, man führt Diskussionen.

Rena Quint, die eine der wenigen überlebenden Kinder des Konzentrationslagers Bergen-Belsen war, öffnete im vergangenen Jahr ihre Wohnung und berichtete bei einem Zikaron BaSalon, was sie in dem Todeslager miterlebte.

Jeden Tag starben dort Hunderte. Sie verhungerten, sie starben an Krankheiten, sie erfroren. Sie starben an irgendetwas. Und wohin man auch ging – dieser Geruch, der Geruch des Todes.

Immer weniger Zeitzeugen

Hinter der feierlichen Stille des heutigen Gedenktages Jom haScho’a verbirgt sich eine bittere Realität: Die Zahl derer, die aus erster Hand berichten können, schrumpft rasant. Laut aktuellen Daten des israelischen Amtes für Statistik leben noch etwa 109.000 Holocaust-Überlebende in Israel. Allein im vergangenen Jahr sind 12.000 von ihnen gestorben – ein unwiederbringlicher Verlust an lebendiger Geschichte.

Das Durchschnittsalter der Hochbetagten liegt mittlerweile bei 88 Jahren. Doch ein langes Leben bedeutet für viele keinen Lebensabend in Würde: Ein Drittel der Überlebenden gilt als arm und sind auf finanzielle Hilfe angewiesen.


Quelle:

www.tagesschau.de