Werbungspot_imgspot_img
GesundheitKathrin Marchand: "Der Körper ist keine Maschine"

Kathrin Marchand: "Der Körper ist keine Maschine"

Ein bisschen müde, aber mit einem Lächeln im Gesicht erscheint Kathrin Marchand zur ersten Trainingseinheit an diesem Tag. Gemeinsam mit ihrem Ruder-Partner Valentin Luz wird die Para Sportlerin die ersten Stunden des Tages im Zweierboot auf dem Wasser verbringen. Ein paar kurze Dehnübungen und dann geht es los.

“Ich hätte vor fünf Jahren nicht gedacht, dass ich in meinem Leben noch einmal so viel Rudern werde”, sagt Marchand im Interview mit der Deutschen Welle (DW). “Ich sehe es als Privileg an, dass ich noch Leistungssport machen kann.”

Die heute 35-Jährige war viele Jahre eine erfolgreiche Leistungssportlerin und nahm 2012 in London im deutschen Frauenachter erstmals an den Olympischen Spielen teil. Vier Jahre später folgte der zweite Start bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro.

Das Foto zeigt den Deutschen Frauenachter beim Rudern während der Olympischen Spiele 2012 in London
Bei den Olympischen Spielen 2012 in London ist Kathrin Marchand teil des Frauenachter-TeamsBild: Rainer Jensen/dpa/picture alliance

Im Anschluss an Olympia beendete Marchand ihre Karriere, schloss zwei Jahre später ihr Medizinstudium ab und begann zu arbeiten – bis 2021 ein Schlaganfall ihr Leben auf den Kopf stellte.

Während eines Spinning-Kurses sei plötzlich ihre linke Körperseite taub gewesen, erinnert sich die Medizinerin. “Ich habe damals nicht sofort an einen Schlaganfall gedacht, weil ich einfach viel zu jung war. Ich war 30 Jahre alt und hatte keine Vorerkrankungen.”

Marchand ruft erst eine Stunde nach dem Vorfall den Krankenwagen. Eine MRT-Untersuchung im Krankenhaus bestätigt schließlich den Schlaganfall. “In dem Moment denkst du: ‘Scheiße, was habe ich gemacht, dass so etwas passiert?'”

Marchand: “Ich werde nie mehr gesund werden”

Der gesundheitliche Rückschlag kam unerwartet und veränderte das Leben der jungen Ärztin. Seitdem lebt Marchand mit Konzentrationsproblemen, Vergesslichkeit, Orientierungsschwierigkeiten und hat ein eingeschränktes Sichtfeld. Es dauert lange, bis sie sich an die neue Realität gewöhnt und mit ihren Einschränkungen zurechtkommt.

“Es ist schon schwer, wenn man so aus seinem Alltag gerissen wird”, sagt Marchand und weiß: “Ich werde nie mehr gesund werden. Ich habe gelernt, dass der Körper keine Maschine ist, auch wenn ich das manchmal gerne wollen würde.”

Der Schlaganfall hat sie gelehrt, dass sie in vielen Dingen kürzertreten muss, denn ihr Körper ist nicht mehr so leistungsfähig wie früher. “Ich muss meine Messlatte tiefer anlegen. Ich nehme mir weniger vor, aber habe auch gelernt, mit mir selbst nicht mehr ganz so streng zu sein.”

Doch beschweren möchte sie sich nicht, sagt Marchand. “Ich habe meine Sichtweise verändert. Natürlich nerven mich meine Einschränkungen, aber am Ende kommt es darauf an, wie man damit umgeht.”

Im Ruderboot zu den Paralympics in Paris

Die Sportlerin sitzt schon wenige Monate nach ihrem Schlaganfall wieder im Ruderboot – dieses Mal allerdings als Para Athletin. “Man lernt im Sport sehr gut, wie man auch mit negativen Ereignissen umgehen muss. Eine sportliche Karriere geht auch nicht nur geradeaus, das gibt es auch einige Tiefs – aber auch positive Erlebnisse”, sagt die 35-Jährige der DW.

Valentin Luz (rechts im Bild) und Kathrin Marchand rudern im Mixed-Para-Doppelzweier bei einem Wettkampf in Luzern.
Seit 2022 sitzt Kathrin Marchand (l.) im Para Ruderboot – hier rudert sie im Mixed-Para-Doppelzweier mit Valentin Luz (r.)Bild: Tobias Lackner/BEAUTIFUL SPORTS/picture alliance

Auf die ersten Erfolge in ihrer “neuen” Disziplin muss Marchand nicht lange warten: Bei Europa- und Weltmeisterschaften gewinnt sie erste Medaillen und qualifiziert sich zudem für die Paralympics 2024 in Paris, wo sie im deutschen Mixed-Vierer-Boot den vierten Platz holt.

“Ich hatte früher mit Para Sport gar nichts am Hut und hatte auch gar keinen Bezugspunkt dazu”, erinnert sich Marchand.

“Ich habe dann aber mit Para Sportlern gesprochen und mich mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich war das erste Mal beim Training und es war voll schön”, erinnert sie sich. “Dort hatten alle eine Einschränkung und dann zu sehen: ‘Hey, das ist nicht so schlimm eine Einschränkung zu haben.’ Das war ein total positives Erlebnis.”

Marchand schreibt Sport-Geschichte

Nach vier Jahren im paralympischen Sommersport geht Marchand noch einen Schritt weiter und stellt sich einer neuen Herausforderung: Para Skilanglauf. Die ersten Trainingseinheiten im Winter auf den dünnen Skiern sind nicht leicht, aber sie beißt sich durch, lernt schnell und reist Anfang des Jahres zu den Winter Paralympics nach Italien.

Marchand ist damit die erste Athletin in der Geschichte, die an olympischen und paralympischen Sommerspielen sowie paralympischen Winterspielen teilgenommen hat.

Kathrin Marchand im Para-Langlauf in Italien. Sie hält ihre Ski-Stöcke eng am Körper.
Nach nur 14 Monaten Training startet Kathrin Marchand bei den Winter Paralympics 2026 in ItalienBild: Martin Schutt/dpa/picture alliance

Seitdem wächst ihr Bekanntheitsgrad. Sie ist zu einer öffentlichen Person geworden – und will das auch nutzen, um anderen Betroffenen Mut zuzusprechen.

“Ich lebe einfach nur mein Leben und finde es krass, wenn ich dadurch andere Menschen inspirieren kann oder ein Vorbild bin”, sagt sie. “Ich freue mich immer, wenn ich Nachrichten bekomme, die sagen: ‘Hey, wir finden das toll, was du machst und es hat uns geholfen über einen Schicksalsschlag hinwegzukommen.'”

Ziel ist eine Medaille bei den Paralympics 2028

Marchand versuche, sich ihr eigenes Leben so schön wie möglich zu machen und gibt zu: “Im Endeffekt hat der Schlaganfall mir mehr geschenkt als genommen.” Das höre sich für andere Menschen oft sehr komisch an, sagt sie. “Denn früher war ich gesund, und jetzt bin ich krank. Warum will man krank sein, wenn man gesund sein kann?”

Ihre Erklärung ist einfach. “Vor dem Schlaganfall war mein Leben viel stressiger, ich habe sehr viel gearbeitet und hatte viel weniger Freude an den Dingen, die ich gemacht habe.”

Es sei traurig so etwas zu sagen, gesteht Marchand. “Ich hätte ja auch vorher schon die Chance gehabt mein Leben umzukrempeln, aber ich habe es nicht gemacht. Es ist schade, dass es erst einen Schicksalsschlag braucht, um viele Dinge zu erkennen.”

Heute ist sie zufrieden mit ihrem Leben und kennt ihre Grenzen – und hat sich ein großes Ziel vorgenommen: Los Angeles 2028. In den USA möchte Kathrin Marchand im Para Ruderboot dann endlich auch ihre erste Paralympics-Medaille holen.


Quelle:

www.dw.com