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InterviewsWie der Iran-Krieg Reisende und die Luftfahrt belastet

Wie der Iran-Krieg Reisende und die Luftfahrt belastet

Die Kerosinpreise haben sich verdoppelt, seit die USA und Israel den Iran erstmals im Februar angegriffen haben. Der Grund: Sowohl der Iran als auch die USA haben zu unterschiedlichen Zeitpunkten die Straße von Hormus blockiert, eine wichtige Wasserstraße für ein Fünftel der weltweiten Öl- und Gastransporte.

Marina Efthymiou, Professorin für Luftfahrtmanagement an der Dublin City University, sagte der DW, die Kerosinpreise in Europa seien nach Angaben der International Air Transport Associationvon etwa 80 Dollar (rund 68 Euro) pro Barrel im Februar auf 180 Dollar (rund 154 Euro) Ende April gestiegen.

“Wenn die Treibstoffpreise, die 25 bis 50 Prozent der gesamten Betriebskosten einer Fluggesellschaft ausmachen, hoch bleiben und Fluggesellschaften sich nicht abgesichert haben, könnten sie bankrottgehen”, erklärt sie.

Kerosin-Tankwagen auf dem Flughafen
Kerosin-Tankwagen auf dem Flughafen Düsseldorf: Europas Vorräte reichen für sechs WochenBild: Jochen Tack/picture alliance

Neben den explodierenden Preisen wird bald auch eine Verknappung von Kerosin erwartet. Vor zwei Wochen warnte der Leiter der Internationalen Energieagentur, Europa habe noch etwa für sechs Wochen Kerosinvorräte.

Europa verbraucht im Durchschnitt täglich etwa 1,6 Millionen Barrel Kerosin und beschafft 1,1 Millionen Barrel aus heimischen Quellen. Ein großer Teil des Rests – 500.000 Barrel – kam früher aus dem Nahen Osten über die Straße von Hormus, die mittlerweile praktisch nicht mehr passierbar ist.

Warum werden Flüge teurer?

Einige Fluggesellschaften geben den Preissprung an die Kunden weiter. Air France-KLM hat Berichten zufolge auf Langstreckenflügen einen Zuschlag von 100 Euro erhoben. Lufthansa kündigte am 22. April an, in den nächsten sechs Monaten 20.000 Kurzstreckenflüge zu streichen. Scandinavian Airlines wird rund 1000 Flüge annullieren.

“Wir müssen das tun, weil wir sonst in wenigen Monaten insolvent wären”, sagte Sebastien Justum, Senior-Vizepräsident von Air France-KLM, vor Kurzem bei einer Veranstaltung im Europäischen Parlament. Laut einem aktuellen Bericht der Beratungsfirma Teneosind die Flugpreise im Vergleich zum Vorjahr um 24 Prozent gestiegen.

Andrew Charlton, Geschäftsführer der Beratungsfirma Aviation Advocacy, sagte, dass die Treibstoffversorgung derzeit zwar ausreiche, die Unsicherheit jedoch groß sei. “Diese Unsicherheit und die zusätzlichen Kosten, um die Tanks gefüllt zu halten, machen Flugtickets teurer”, sagte er der DW. “Reisende sollten weniger Sitzplätze und weniger Schnäppchen erwarten.”

Was fordert die Luftfahrtbranche?

Airlines for Europe (A4E), ein Verband von 16 europäischen Fluggesellschaften, der nach eigenen Angaben für 80 Prozent des europäischen Flugverkehrs steht, hat die Europäische Union (EU) aufgefordert, dringend Maßnahmen zu ergreifen, um die Auswirkungen des Iran-Kriegs zu begrenzen.

A4E hat die EU gebeten, Verpflichtungen zu lockern, die vorschreiben, für Flüge 90 Prozent des benötigten Treibstoffs innerhalb des Staatenbundes zu tanken. Solche Gesetze sollen Fluggesellschaften davon abhalten, in Ländern mit niedrigeren Umweltstandards günstigeren Treibstoff zu laden. Zudem forderte der Verband die EU auf, das Emissionshandelssystem vorübergehend auszusetzen. Es verpflichtet Fluggesellschaften, die in der EU operieren, für Kohlenstoffemissionen zu zahlen.

“Das sind vorübergehende Maßnahmen, um uns durch die aktuelle Situation zu bringen, sowie längerfristige Planungen, um für die Zukunft gerüstet zu sein”, sagte Ourania Georgoutsakou, Geschäftsführerin von A4E, in einer Erklärung.

Der Airports Council International (ACI), der sich selbst als Stimme der Flughäfen weltweit bezeichnet, forderte Importe aus alternativen Regionen, eine gemeinsame Beschaffung durch EU-Mitgliedstaaten und mehr Koordinierung.

Ein Öltanker am Dock
Eine Möglichkeit für Europa ist, Kerosin aus neuen Quellen zu kaufen – doch auch das birgt HerausforderungenBild: Punit Paranjpe/AFP

“Das derzeitige Niveau der Kerosinpreise und die Aussicht auf eine neue Krise bei den Lebenshaltungskosten bedeuten, dass viele Regionalflughäfen auf unserem Kontinent vermutlich mit einem Angebots- und einem Nachfrageschock konfrontiert werden”, sagte Olivier Jankovec, Generaldirektor von ACI Europe, Ende April in einer Erklärung. “Für sie ist das nichts weniger als eine existenzielle Bedrohung.” Er fügte allerdings hinzu, dass europäische Flughäfen derzeit noch nicht mit Treibstoffknappheit zu kämpfen hätten.

Europäische Kommission will mehr Koordination

“In den nur 60 Tagen des Konflikts ist unsere Rechnung für Importe fossiler Brennstoffe um mehr als 27 Milliarden Euro gestiegen”, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen diese Woche vor Abgeordneten des Europäischen Parlaments.

Sie betonte, wie wichtig es sei, dass die EU-Mitgliedstaaten mehr zusammenarbeiten: “Wir schlagen eine stärkere Koordinierung vor, nicht nur beim Füllen nationaler Gasspeicher, sondern auch bei Treibstoffreserven – insbesondere bei Kerosin und Diesel, wo sich die Märkte verengen”, sagte von der Leyen.

In der vergangenen Woche startete die Europäische Kommission ihren AccelerateEU-Plan. Dazu gehört, die Kerosinbestände zu überwachen und die Versorgung von Fluggesellschaften und Flughäfen in der ganzen EU zu koordinieren.

Fluggäste warten beim Einchecken am Flughafen
In den Sommermonaten ist das Reiseaufkommen an europäischen Flughäfen oft hoch – unklar ist, wie sich der Reiseverkehr angesichts steigender Kerosinpreise entwickeltBild: Micha Korb/pressefoto_korb/picture alliance

Charlton von der Beratungsfirma Aviation Advocacy findet es “lobenswert”, dass die in der EU verfügbaren Kerosinmengen erfasst werden und optimaler verteilt werden sollen. Andere Experten betonen, Überwachung und Koordinierung durch die EU könnten die Auswirkungen abmildern, sollte es einen Engpass beim Kerosin geben.

Aber womöglich reicht das nicht aus, falls sich die Krise hinzieht: Die Initiative “kann verhindern, dass ein Mangel auf nationaler Ebene zu einer kontinentweiten Panik wird, aber sie kann keinen Treibstoff schaffen, der nicht vorhanden ist”, sagte Efthymiou, die Professorin der Dublin City University.

EU versucht, Vertrauen aufzubauen

Die Exporteure von raffiniertem Kerosin sind sich zudem bewusst, dass sie über ein zunehmend knappes Gut verfügen. “Ein großer Teil des weltweiten Kerosins wird in Asien raffiniert – Südkorea ist der größte Exporteur”, erklärt Efthymiou. Aber asiatische Länder begönnen damit, Kerosinexporte zu reduzieren, weil ihr Rohöl ebenfalls aus dem Nahen Osten stamme.

Dennoch versucht die EU, Vertrauen zu schaffen und zu signalisieren, dass sie bereitsteht, künftige Engpässe bei der Kerosin-Versorgung zu bewältigen. Sie ermutigt die Menschen zum Reisen.

“Wir müssen uns zwar auf das Worst-Case-Szenario vorbereiten, sollten aber gleichzeitig davon absehen, übermäßig negative und alarmierende Botschaften auszusenden, die bei Reisenden Verwirrung oder sogar Panik auslösen”, sagte Apostolos Tzitzikostas, EU-Kommissar für nachhaltigen Verkehr und Tourismus, am Mittwoch in Zypern. “Wir tun unser Möglichstes, um die Auswirkungen dieser sehr schwierigen Situation vorherzusehen und einzudämmen.”

Er fügte hinzu, dass “wenn unsere Bürger oder potenzielle Touristen aus Drittstaaten nicht genug Vertrauen haben, Tickets für die Ferien zu buchen, eine [wirtschaftliche] Krise schneller eintreten wird, als wir denken”.

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Aus dem Englischen adaptiert von Uta Steinwehr


Quelle:

www.dw.com