DOMRADIO.DE: Welche Schwerpunkte möchten Sie als neue Leiterin setzen und was ist Ihnen für die Zukunft der Telefonseelsorge wichtig?
Dr. Maria Bebber (Theologin, Psychologin, Leiterin der katholischen Telefonseelsorge Köln): Die Telefonseelsorge ist ein kirchliches Angebot für alle Menschen, die ein Anliegen haben, das sie gerne besprechen möchten. Es ist anonym und kann rund um die Uhr genutzt werden. Wer die Telefonseelsorge anruft, kann die Erfahrung machen, dass da eine Person ist, die mir zuhört. In diesem Gespräch darf ich ich sein, kann meine Sorgen und Probleme mitbringen und Begegnung erleben.
Damit, finde ich, lebt die Telefonseelsorge ganz viel von dem, was unsere Aufgabe als Kirche ist und wozu wir als Christinnen und Christen berufen sind: Für Menschen in schwierigen Situationen und für einsame Menschen da sein, sich ihnen zuwenden.
Deshalb ist die Telefonseelsorge ein ganz wichtiges kirchliches Angebot und die niedrigschwellige Ausrichtung. Für alle idealerweise rund um die Uhr erreichbar zu sein, ist mir auch für die Zukunft sehr wichtig.
DOMRADIO.DE: Die Telefonseelsorge begleitet die Menschen seit langer Zeit in Krisen. Welche gesellschaftlichen Entwicklungen nehmen Sie wahr?
Bebber: Die großen Themen, mit denen Menschen sich bei der Telefonseelsorge melden, bleiben in etwa die gleichen. Das sind Herausforderungen in Beziehungen, beispielsweise in der Partnerschaft oder Familie, aber auch im Alltag – in Freundschaften oder in der Nachbarschaft.
Ein weiteres großes Thema ist Einsamkeit. Menschen rufen an, weil sie einfach mal mit jemandem reden möchten. Sie brauchen jemanden, der zuhört, und haben vielleicht lange nicht mehr mit anderen Menschen ein Gespräch geführt. Ein weiteres Thema sind körperliche und psychische Erkrankungen.
Als neues Phänomen beobachten wir die Bedeutung Künstlicher Intelligenz. Die Menschen rufen an, weil sie zu diesem oder jenem Thema die KI um Rat gebeten haben. Oder sie sagen, dass die KI ihnen empfohlen hat, die Telefonseelsorge anzurufen. So werden die Menschen überhaupt erst auf uns aufmerksam.
DOMRADIO.DE: Finden Sie das eine positive Entwicklung oder sehen Sie darin auch eine Gefahr?
Bebber: Positiv finde ich auf jeden Fall, dass wir dadurch wahrgenommen werden und Menschen sich an uns wenden. Auch, dass Menschen, nachdem sie mit Künstlicher Intelligenz im Gespräch waren, wieder auf einen Menschen zugehen und ins Gespräch kommen.
DOMRADIO.DE: Die Telefonseelsorge lebt auch vom Engagement vieler Ehrenamtlicher: Wie möchten Sie denn Menschen für dieses Ehrenamt gewinnen?
Bebber: Bei der katholischen Telefonseelsorge in Köln sind im Moment rund 70 Ehrenamtliche aktiv, die sich mit ganz viel Engagement und auch viel Zeit einbringen. Zum einen spricht unsere fachliche Ausrichtung die Ehrenamtlichen an. Wir haben eine ausführliche Ausbildung, die ungefähr ein Jahr dauert. Wenn man dann im Telefondienst ist, hat man regelmäßig fachliche Fortbildungen und auch Austausch in Supervisionsgruppen. Dadurch bieten wir den Ehrenamtlichen eine gute fachliche Weiterbildung, aber auch die Möglichkeit, sich persönlich zu entwickeln.
Zum anderen haben wir eine tolle Gemeinschaft. Wir kommen einerseits zu fachlichen Fortbildungen zusammen, aber auch zu Festen und Feiern, und dadurch gibt es eine große Verbundenheit.
Das Interview führte Annika Weiler.
Quelle:
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