Die Kriege in der Ukraine und im Iran haben gezeigt, dass es Drohnen zu einem Stückpreis von nur wenigen zehntausend Euro mit Waffen aufnehmen können, deren Entwicklung und Produktion Millionen kostet.
Nach Ausbruch des Ukraine-Krieges kündigte die Bundesregierung nicht nur eine Finanzspritze von 100 Milliarden Euro aus dem sogenannten Sondervermögen für die Bundeswehr an, auch die regulären Verteidigungsausgaben steigen inzwischen deutlich: von 62,4 Milliarden im Jahr 2025 auf 82,7 Milliarden 2026; bis 2029 sind 152 Milliarden geplant.
Doch wird das Geld gut investiert? Kritiker bezweifeln das, gerade auch nach dem Scheitern des gemeinsam mit Frankreich geplanten Kampfflugzeugprojekt FCAS im Juni, das mehr als 100 Milliarden Euro gekostet hat.
Der Militärexperte Nico Lange, früher im Verteidigungsministerium tätig, hat jetzt auf dem Portal Web.de die neue Strategie scharf kritisiert: “Es ist dasselbe dysfunktionale System wie zuvor. Man füllt es nur mit deutlich mehr Geld. Der Punkt ist: Wenn man die Strukturen der militärischen Planung und Beschaffung nicht wirklich ändert, kommt nichts Besseres heraus.”
Steile Lernkurve für Deutschland
Deutschland durchläuft nach Ansicht einiger Politiker derzeit einen steilen Lernprozess. Andreas Schwarz, Sozialdemokrat (SPD) und Mitglied im Verteidigungsausschuss des Bundestages, glaubt, dass der Ukraine-Krieg “die Art der Kriegsführung grundlegend verändert.”
Bei einem Besuch in der Ukraine Anfang Juli stellte Schwarz fest, dass die Debatten in Deutschland zu Beginn des Krieges – ob Deutschland der Ukraine Leopard-Kampfpanzer und Taurus-Marschflugkörper schicken sollte – inzwischen vollkommen irrelevant sind. “Niemand hat mich nach einem Taurus-Marschflugkörper oder einem Leopard-Panzer gefragt”, sagt er der DW. “Was sie brauchen, ist Hilfe bei Drohnen, bei Munition, bei der Modernisierung ihres IT-Sektors sowie bei Satelliten und Kommunikation.”
Welche Rolle spielen noch Panzer und Artillerie?
Die Erfahrungen des Ukraine-Krieges bedeuten allerdings nicht, dass schwere Waffensysteme, sogenannte “legacy systems”, veraltet wären, wie manche Experten meinen.
Max Becker von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) weist darauf hin, dass sich in der Ukraine gezeigt habe, dass Panzer und Artillerie weiterhin gebraucht würden, um Gelände zu erobern und zu halten, und ebenso für Angriffe auf weite Entfernungen. “Es kommt eben auf den richtigen Mix aus Legacy Systemen, die man nach wie vor braucht, und Drohnentechnologie an”, sagt er der DW. “Das ist natürlich ein Dilemma, weil man weiterhin in sehr teure Systeme wie beispielsweise in Kampfpanzer investieren muss, wo die Produktion lange dauert, aber man gleichzeitig in Systeme wie Drohnen investieren muss.”
Das ukrainische Militär habe ihre auf Drohnen gestützte Strategie teilweise aus der Not heraus entwickelt, weil ihr konventionelle Artilleriegeschütze und Kampfpanzer fehlten. “Ich glaube, dass die Szenarien, auf die sich Deutschland und die NATO einstellen, andere sind als der Krieg zwischen Russland und der Ukraine, weil die NATO über eine völlig andere Ausstattung verfügt.“
Auch Andreas Schwarz glaubt, dass die Bundeswehr weiterhin herkömmliche Waffen braucht: “Ich will nicht sagen, dass wir keine Panzer mehr brauchen – ganz im Gegenteil, wir werden sie immer benötigen. Aber die Frage ist: Brauchen wir sie noch in dieser Stückzahl? Und ließen sie sich nicht durch kleinere, flexiblere Einheiten ergänzen oder sogar optimieren?”
Drohnen werden nicht nur ausgefeilter, sondern auch einfacher zu steuern. Manche Militärdrohnen lassen sich inzwischen per App über ein herkömmliches Smartphone bedienen. Schwarz ist der Ansicht, dass die Bundesregierung und die Rüstungsindustrie diese neue Realität zwar erkannt haben, die Umsetzung der notwendigen Maßnahmen jedoch noch Zeit in Anspruch nimmt.
Das Beschaffungsproblem der Bürokratie
Der Teufel steckt im Detail – oder, wie so oft, in der Bürokratie. Das militärische Beschaffungswesen ist notorisch langsam und kompliziert, dies umso mehr in einem Land, in dem große Rüstungsfirmen wie Rheinmetall den Markt beherrschen, die mit dem Bau von Panzern und U-Booten für die Streitkräfte der Welt viel Geld verdient haben.
“Unser Problem in Deutschland ist immer die Umsetzung”, sagt Schwarz. “Wir haben eine Rüstungsindustrie, die jahrzehntelang auf bestimmte, bewährte Technologien gesetzt hat. Natürlich haben wir auch eine Armee, die sich jahrzehntelang auf Szenarien vorbereitet hat, die heute nicht mehr allzu wahrscheinlich sind. Und natürlich ist es schwierig, dieses neue Denken zu etablieren, wenn man bisher von anderen Szenarien ausging und das die Bereitschaft zum Umdenken bei den Verantwortlichen fordert.”
Um hier Abhilfe zu schaffen, hat der Bundestag Anfang des Jahres ein Gesetz erlassen, dessen langer Name schon alles erklärt: Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz. Das Gesetz hebt unter anderem Ausgabenschwellen an, ab denen bei bestimmten Beschaffungsvorhaben zusätzliche Entscheidungsebenen eingebunden werden müssen, und verringert den bürokratischen Aufwand zwischen den beteiligten Behörden bei der militärischen Beschaffung.
Mehr Flexibilität angesichts schneller Entwicklungen
Das geht in die richtige Richtung, meint Becker, denn es helfe dabei, die althergebrachte Logik bei der militärischen Beschaffung aufzubrechen: In einer Welt sehr schneller Entwicklung bei Drohnen und Waffen sei es sinnlos, einen Auftrag zu vergeben und dann Waffen anzuhäufen, die nach ein paar Monaten veraltet sind. “Man schafft diese neuen Logiken, wenn man schon in den Beschaffungsprozess vereinbart, dass es Innovationsklausel gibt. Das heißt, dass diese Unternehmen sich dazu verpflichten, wenn sie liefern, dass sie in regelmäßigen Abständen diese Systeme updaten.”
Deutschland müsse jetzt eine neue Produktionsinfrastruktur aufbauen, die schnell auf neue Aufträge reagieren könne, fordert der Bundestagsabgeordnete Andreas Schwarz. “Ich kann nicht eine Million Drohnen kaufen, denn die sind in 30 Tagen veraltet. Ich benötige einen Vorrat an Drohnen für Ausbildungs- und Übungszwecke, aber auch die industriellen Kapazitäten, um die Massenproduktion von Drohnen innerhalb von vier bis sechs Wochen anlaufen lassen zu können.”
Die Bundeswehr steckt zudem mitten in einer massiven Rekrutierungsoffensive. Doch trotz der zunehmenden Automatisierung der Kriegführung hält Schwarz neue Rekruten für unerlässlich. “Wir brauchen diese Leute nach wie vor, etwa als Drohnenpiloten, aber auch als Fachkräfte, die mit dieser Technologie umgehen können”, sagt er. Darüber hinaus seien neue Rekruten notwendig, um die Reserve der Bundeswehr für die Landesverteidigung zu stärken.
Quelle:
www.dw.com



