Nanu – wer steht denn da? Ausgerechnet im evangelisch geprägten Nürnberg reibt sich mancher sicher verwundert die Augen, wenn er den Jakobsplatz in der Innenstadt überquert.
Denn niemand Geringeres als Papst Leo XIV. steht dort in Lebensgröße und winkt Vorbeilaufenden fröhlich zu. Nicht der echte – aber ein sehr überzeugender Aufsteller auf Rollen. Viele bleiben stehen und machen Fotos mit dem Pontifex.
Auch Aimee und Michael aus Los Angeles haben ihn entdeckt. Sie reisen durch Europa, sind aktuell in Nürnberg und machen fröhlich Bilder mit ihrem Landsmann. “Michael war auf derselben Universität wie der Papst”, erzählt Aimee. “Und ich habe bisher jeden Papst im Vatikan gesehen. Nur Leo noch nicht. Jetzt immerhin hier in Nürnberg!” Die 22-jährige Bettina aus der Schweiz posiert ebenfalls neben Leo: “Ich fand es lustig, dass er hier in Lebensgröße herumsteht, und habe es nicht erwartet.”
Der Papst gehört zur Buchhandlung der Paulus-Schwestern, deren Eingang sich hinter ihm verbirgt. Wer eintritt, wird mit ruhiger Musik empfangen. Auf einer Seite des Geschäfts reihen sich Regale voller Kerzen und Wände mit Kreuzen aneinander. Den größten Teil des Raumes nehmen – natürlich – Bücher ein, von theologischer Literatur bis zu Kinderbüchern. Auf dem Tresen an der Kasse stehen Körbchen mit bunten Zetteln: Bibelverse auf Deutsch und Englisch, die die Schwestern ihren Kunden mit auf den Weg geben.
Eine lustige Idee wird zum Dauerbrenner
Dass der Papstaufsteller sich zu so einem Publikumsmagneten entwickelt, hatten die Schwestern nicht erwartet, erzählt Oberin Christine Hirsch. Vor rund zehn Jahren hätten Mitschwestern aus Portugal ihnen ein Foto von sich mit einem solchen Aufsteller geschickt. Damit war die Idee geboren, ihn auch bei sich aufzustellen. “Wir dachten, das sei eine schöne Idee für den Sommer”, sagt Schwester Christine. Und tatsächlich: “Die Leute haben sich gefreut und Fotos gemacht.”
Nach dem Sommer räumten die Schwestern den päpstlichen Pappkameraden, der genau genommen aus Aluminium besteht, wieder weg. Aber schnell wurde er schmerzlich vermisst: “Die Leute haben gefragt, wo der Papst ist”, erzählt Schwester Christine. Also stellten sie ihn dauerhaft raus. Touristen, Brautpaare, Punks mit bunten Haaren, Muslime – der Papst ziehe alle Menschen an. “Einmal war sogar eine Feuerwehrgruppe da, hat ein Foto mit ihm gemacht und das in den Vatikan geschickt.” Ob eine Antwort kam? “Das weiß ich nicht.”
Manch ein Passant findet durch den Papst den Weg in die Buchhandlung. Nicht alle kaufen etwas, aber viele nehmen trotzdem etwas mit: “Die Leute sind dankbar, Seelsorge zu finden. Manche suchen ein Buch, aber in Wirklichkeit suchen sie Rat. Und erzählen von Menschen, die krank oder gestorben sind, bitten um Gebet. Oder haben Fragen zum Glauben. Wir sind wie eine Oase in der Großstadt.”
Die Kirche, findet Schwester Christine, brauche mehr Orte, die Menschen einfach im Alltag erreichen können. Für ihr Engagement in der Buchhandlung und anderswo wurden die Schwestern im Frühjahr 2026 sogar ausgezeichnet.
Trauer um Papst Franziskus
Etliche Jahre lang begrüßte Papst Franziskus die Menschen vor der Buchhandlung. Als der echte Papst im April 2025 starb, stellte sich für die Schwestern die Frage, was mit “ihrem” Papst geschehen sollte. “Zwei Wochen lang haben wir als Zeichen der Trauer eine Kerze vor ihm aufgestellt”, erinnert sich Schwester Christine. “Dann haben wir ihn abgebaut.”
Doch nach der Wahl Leos XIV. hätten die Leute wieder gefragt, wo der Papst sei. Die Schwestern überlegten hin und her – und entschieden sich dafür, auch Leo aufzustellen. Franziskus steht derweil im Keller. Was mit der Figur passieren soll, wissen sie noch nicht genau. “Eine Frau wollte ihn kaufen. Jemand anders hat vorgeschlagen, ihn zu versteigern.” Noch sei aber nichts entschieden.
Päpste ohne Grenzen
“Langsam sehen wir uns selbst schon als ‘Die Buchhandlung mit dem Papst’ an”, sagt Schwester Christine lachend. Einmal sei die Papst-Liebe aber zu weit gegangen. “Eine Frau ist mit ihm weggelaufen und wir mussten hinterher. Deswegen hat er jetzt eine Bremse bekommen.” Die Nächte verbringt der Papst im Schaufenster. “Wenn Leute vorbeilaufen, sehen sie ihn trotzdem. Manchmal erschreckt er Menschen im Dunkeln auch versehentlich.”
Schwester Christine ist wie Papst Leo gebürtige US-Amerikanerin. Daher fühlt sie sich ihm besonders verbunden. Auch Papstbücher verkauften sich gut. “Die Leute haben ein Interesse daran, was er denkt. Sie freuen sich, dass er sich so für den Frieden einsetzt und auf der Weltbühne eine Gegenmacht ist.” Das ist für sie auch ein Grund dafür, dass sein Pendant vor der Tür so viele Leute anzieht. “Leo und Franziskus – die überspringen diese katholische Grenze.”
Aimee und Michael machen sich nach einem Besuch in der Buchhandlung wieder auf den Weg zum Bahnhof. Ihr nächster Halt ist Berlin. Beim Rausgehen gibt Schwester Christine ihnen noch einen Bibelvers aus dem Körbchen auf der Theke mit. Papst Leo winkt zum Abschied.
Quelle:
www.domradio.de



