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"Keuschheit heißt nicht Beziehungslosigkeit" / Warum eine 28-Jährige heute gern als Ordensfrau lebt

Himmelklar: Sie sind erst einmal zum Postulat, also zu einer Art Probezeit, ins Kloster gezogen und haben dort ein ganz neues, ein ganz anderes Leben angefangen. Kann man das so sagen?

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Sr. Clarita (Ordensschwester im Dominikaner-Kloster Arenberg): Einerseits ist es tatsächlich ein ganz anderes Leben. Ich habe vorher viele Sachen aussortiert, weil man im Kloster einfach nicht viel braucht, wir teilen ja fast alles. Gleichzeitig ist aber auch vieles gleichgeblieben. Meine Freundschaften pflege ich weiter, meine Hobbys auch. Ich bin weiter die gleiche Person. Es gehört zur Persönlichkeitsentwicklung und zum Glaubensleben dazu, im Wandel zu sein, Wandel zu leben. Als Person bin ich aber trotzdem noch die gleiche.

Himmelklar: Gab es am Anfang etwas im Ordensleben, das Sie irritiert hat? Haben Sie sich über etwas gewundert oder an etwas gestört?

Sr. Clarita: Auch wenn mich vielleicht nichts wirklich gewundert oder gestört hat, ist das Leben im Kloster doch eine ganz andere Form des Zusammenlebens; auch, weil wir eine klare Hierarchie haben. Anders als während meines Studentenlebens fahre ich heute nicht einfach in die Stadt und treffe mich mit Freunden, sondern ich spreche das immer ab und sage irgendwem Bescheid. Das hat weniger mit Kontrolle zu tun, sondern damit, dass die anderen wissen sollen, wo man als Schwester gerade ist. Gemeinsame Absprachen sind wichtig. In einer Familie ist das wahrscheinlich nicht so anders. Aber es war am Anfang schon ein bisschen irritierend, dass ich mir nicht einfach selbst eine Fahrkarte buche, wenn ich irgendwo hinfahre, sondern dass so etwas immer über die Priorin läuft. Das ist einfach eine andere Art von Kommunikation.

Himmelklar: Gab es auch etwas, das Ihnen gleich gut gefallen hat?

Sr. Clarita: Der Start in den Tag ist für mich bis heute am schönsten. Wir beginnen in Stille: Wir stehen auf, machen uns fertig und meditieren. Ich schaue morgens nicht auf mein Handy, ich beantworte keine Nachrichten. Danach beten wir die Laudes, haben anschließend Messe und frühstücken ebenfalls in Stille. Wir sind also zwei Stunden lang damit beschäftigt, wirklich wach zu werden und im Tag anzukommen. Ich erlebe es bis heute als großen Reichtum, dass wir nicht in den Tag hineinstolpern, sondern ihn auf diese Weise beginnen.

Clarita

“Es geht also nicht um Armut um der Armut willen, sondern um Armut, um den inneren Reichtum zu entdecken.”

Himmelklar: Ordensschwestern und Ordensbrüder geloben, in Armut, Keuschheit und Gehorsam zu leben. Das klingt in den Ohren der Allermeisten heute eher nicht attraktiv. Was heißt denn zum Beispiel Armut ganz konkret? Dürfen Sie keinen Privatbesitz haben?

Sr. Clarita: Armut bedeutet erst einmal, dass mein Gehalt nicht an mich oder auf mein Konto geht, sondern an die Gemeinschaft. Ich bekomme monatlich ein Taschengeld. Das ist die monetäre Situation. Es geht uns aber nicht nur um materielle Armut. Es geht auch darum, die Armut des eigenen Lebens, also die eigenen Grenzen, zu erkennen und zu akzeptieren. Ich zum Beispiel lebe als junge Frau in einer alternden Schwesterngemeinschaft, da spielt Gebrechlichkeit im Alltag eine große Rolle. Manchmal ist es schwer, das zu akzeptieren. Armut bedeutete für mich persönlich also, das so anzunehmen, wie es ist. 

In allen Gelübden sehe ich Jesus als Vorbild. Es heißt in der Bibel, er wurde arm, um uns reich zu machen. Für mich steckt hinter der Armut, dass Gott Mensch geworden ist, dass Christus sich entäußert hat und Mensch geworden ist. Es geht also nicht um Armut um der Armut willen, sondern um Armut, um den inneren Reichtum zu entdecken.

Himmelklar: Einfach mal shoppen gehen, etwas Schickes zum Anziehen kaufen, das geht bei Ihnen nicht. Fehlt Ihnen das nicht manchmal doch?

Sr. Clarita: Die Vorstellung, mir nicht mehr alles kaufen zu können, war für mich am Anfang tatsächlich eine Abschreckung. “Oh, Gott!”, habe ich gedacht. Aber nachdem ich jetzt schon über drei Jahre lang das Gelübde der Armut lebe, denke ich, dass das eine innere Angst war, vielleicht so etwas wie Stimmen, die mich abhalten wollten. In meinem Alltag spielt das aber überhaupt keine Rolle. Ich hatte von Natur aus nie große Freude am Shoppen und merke jetzt, dass ich nicht mehr brauche. Ich habe alles, was ich brauche. Mir persönlich gefällt es, einfach zu leben. Ich stehe sehr dahinter.

Schwester Clarita erreicht mit ihren Videos über das Ordensleben 24 Tausend Menschen

Himmelklar: Ist es auch eine Art Gegenmodell, Armut in einer Gesellschaft zu leben, für die Wohlstand, Besitz und Kapital sehr wichtig sind?

Sr. Clarita: Ja, auf jeden Fall. Ich verstehe unsere Armut auch so, dass wir uns mit denen solidarisieren, die nicht so viel haben. Neben der Frage der Solidarität geht es aber um die Frage: Was brauche ich wirklich? Sich diese Frage immer wieder zu stellen, finde ich in unserer Gesellschaft wichtig. Und gleichzeitig – nicht, dass ich hier einen falschen Eindruck vermittele – erlebe ich meine Gemeinschaft als sehr großzügig. Wenn eine von uns sich etwas wünscht, bekommt sie es oft zum Namenstag oder so. Der Orden ist also nicht knauserig. Sondern es geht immer darum, ob wir etwas wirklich brauchen; und darum, welche tatsächlichen Bedürfnisse hinter materiellen Bedürfnissen stehen.

Himmelklar: Je weniger jemand besitzt, umso weniger muss sie oder er sich auch um diesen Besitz kümmern. Ist das auch eine Freiheit?

Sr. Clarita: Auf jeden Fall. Ich erlebe eigentlich alle Gelübde unter dem Aspekt der Freiheit. Ich selbst versuche, meine Zelle immer mehr auszuräumen und immer mehr Sachen wegzuräumen. Das hat für mich etwas mit frei sein zu tun.

Clarita

“Bei der Keuschheit geht es auch um den Blick, wie ich Menschen anschaue. Schaue ich Menschen ins Gesicht oder benutze ich Menschen für meine Bedürfnisse?”

Himmelklar: Keuschheit – also kein Sex, keine körperliche Liebe, keine körperliche Beziehung – können sich gerade junge Menschen oft gar nicht vorstellen. Müssen Sie da nicht doch auf viel verzichten?

Sr. Clarita: Es kommt darauf an. Keine Partnerschaft zu haben und keinen Sex, ist erst einmal nur der äußere Rahmen der Keuschheit. Tatsächlich geht es um viel mehr. Hinter der Keuschheit steckt eigentlich eine viel größere Fülle. Es geht auch um den Blick, wie ich Menschen anschaue. Schaue ich Menschen ins Gesicht oder benutze ich Menschen für meine Bedürfnisse? Außerdem bedeutet Keuschheit nicht Beziehungslosigkeit. Mir persönlich ist wichtig, meine Beziehungen und Freundschaften auch als Ordensfrau zu pflegen. Da bekomme ich viel von dem, was Menschen sonst auch in einer Beziehung suchen: Geborgenheit, Nähe und Austausch. Das ist auch ohne sexuelle Aktivität möglich.

Himmelklar: Fast jeder sehnt sich auch nach körperlicher Nähe, danach, auch einmal in den Arm genommen zu werden. Ist das in Ihrem Ordensleben möglich?

Sr. Clarita: Ja, auf jeden Fall.

Sr. Clarita

“Ich hätte mir dieses Praktikum in der Demenzstation zwar niemals selbst ausgesucht, bin aber heute sehr dankbar dafür, weil es meinen Horizont erweitert hat.”

Himmelklar: Gehorsam leben zu müssen, ist auch nicht gerade das, was die meisten Menschen sich wünschen. Wem müssen Sie denn überhaupt gehorchen? Der Priorin? Bestimmten Mitschwestern? Dem Papst? Gott?

Sr. Clarita: Ich würde sagen, letztlich ist es immer Gott. In der Bibel heißt es, dass Jesus gehorsam bis zum Tod am Kreuz war. Das meint Gehorsam eigentlich: es ist immer Gehorsam Gott gegenüber. Wenn ich an Ignatius von Loyola und seine Unterscheidung der Geister denke, bin ich aber der Überzeugung, dass Gott nicht immer direkt zu mir spricht, sondern auch durch Menschen. Und so sieht die Gemeinschaft der Schwestern durchaus Dinge, die ich nicht sehe. Oder sie hat etwas für mich im Blick, was ich nicht so im Blick habe. Das ist, finde ich, eigentlich das Schöne am Gehorsam: Dass ich mein Leben nicht komplett selbst kontrollieren muss, weil das auch gar nicht geht, sondern dass andere mitsprechen können, dürfen und sollen. Für mich ist das immer auch eine Weitung des Blicks. Ich muss mein Leben nicht selbst machen, sondern wir machen es irgendwie gemeinsam, im Hören auf die Stimme Gottes.

Himmelklar: Viele stellen sich wahrscheinlich aber vor, dass sie, wenn sie ins Kloster gehen und Gehorsam geloben, ihre Freiheit aufgeben und fremdbestimmt werden. Wie erleben Sie das?

Sr. Clarita: Natürlich gibt es Situationen, in denen man etwas macht, was man sich so nicht ausgesucht hätte, zum Beispiel mit einer anderen Schwester zum Arzt fahren und zwei Stunden im Wartezimmer warten. Ich glaube aber, dass so etwas ein Stück weit zu jedem Leben dazugehört. In der Familie machen wir doch auch vieles, was einfach gemacht werden muss, jemandem zuliebe oder der Umstände halber. 

Ich selbst habe ein Beispiel aus meinem Noviziat: Da mussten wir ein Praktikum machen und ich sollte im Vincenzhaus in Oberhausen, wo wir einen Konvent mit angegliedertem Altenheim haben, auf die Demenzstation gehen. Ich habe das ehrlicherweise nicht so gesehen. Die Demenzstation hat mich abgeschreckt. Aber irgendwie dachte ich dann doch: “Die Mitschwestern haben sich das aus gutem Grund ausgedacht, jetzt lass dich mal darauf ein!” Ich habe dann miterlebt, was die Mitarbeiter dort täglich leisten und genauso, welche verschiedenen Ausprägungen der Demenz es gibt. Demenz geht uns letztlich alle an, ob als persönlich Betroffene oder als Angehörige. Ich hätte mir dieses Praktikum in der Demenzstation zwar niemals selbst ausgesucht, bin aber heute sehr dankbar dafür, weil es meinen Horizont erweitert hat. Mir hat es am Ende nicht weh getan. Natürlich kann Gehorsam auch missbraucht werden, aber das war bei mir nicht der Fall.

Himmelklar: Der katholische Podcast

Kirche? Was hat die mir im 21. Jahrhundert überhaupt noch zu sagen? Viel. Schönes wie Schlechtes, Relevantes wie Banales, Lustiges und Wichtiges. Wir stellen euch jede Woche Menschen vor, die heute Kirche bewegen. Bischöfe, Politiker, Promis und Laien – Wir reden mit den Menschen aus Kirche und Gesellschaft, über die die katholische Welt spricht und fragen sie: Was bringt euch Hoffnung?


Quelle:

www.domradio.de