“Schöpferische Zerstörung” ist ein sperriger Begriff, der wie ein Paradoxon klingt. In der Wirtschaftstheorie bezeichnen Ökonomen damit jenen Prozess, bei dem Innovationen ganze Wirtschaftszweige umwälzen und neue schaffen. Man denke nur an die Dampfmaschine, die Fließbandfertigung und die IT-Revolution – und aktuell eben an die Künstliche Intelligenz (KI). Philippe Aghion ist ein Experte für dieses Konzept.
Für seine bahnbrechende Forschung darüber, wie technologische Innovationen langfristiges Wirtschaftswachstum ankurbeln können, wurde der Franzose Aghion im Jahr 2025 gemeinsam mit dem Kanadier Peter Howitt und dem israelisch-amerikanischen Ökonomen Joel Mokyr mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet.
“KI wird mehr denn je schöpferische Zerstörung mit sich bringen”, sagte Aghion der DW am Rande des diesjährigen Brussels Economic Forum. “Es wird Arbeitsplätze kosten, aber auch neue schaffen. Wenn man schöpferische Zerstörung richtig handhabt, ist sie ein Motor des sozialen Aufstiegs.”
Offen für den Wandel
Um die Vorteile der schöpferischen Zerstörung zu veranschaulichen, verweist Aghion auf die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung in der Europäischen Union (EU) und den USA.Über Jahrzehnte hinweg verlief diese Entwicklung weitgehend parallel. Doch als die IT-Revolution einsetzte – mit dem Personal Computer, dem Internet und allem, was damit einherging -, machten sich die USA diese Veränderungen voll zu eigen. Europa hingegen zögerte.
In der Folge vergrößerte sich die Kluft. Heute ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in den USA fast doppelt so hoch wie in der EU. Bei der KI droht Europa, denselben Fehler erneut zu begehen. “Wir müssen aufwachen”, fordert Aghion.
Die USA und China sind bei der KI-Entwicklung weit voraus. Unternehmen wie OpenAI, Anthropic, Google, Meta, Microsoft und viele andere investieren Milliarden in die Entwicklung großer Sprachmodelle (LLMs) wie ChatGPT, Gemini, Claude oder DeepSeek (ein chinesisches Modell) sowie in die dafür erforderliche Rechenleistung.
Stärken im EU-Datenschutz nutzen
Europa bringt zwar exzellente Forschungsergebnisse hervor, hatte jedoch in der Vergangenheit Schwierigkeiten, Startups zu skalieren und ähnlich viel Risikokapital anzuziehen wie die USA. Europäische Modelle wie das französische “Mistral” bilden hier nur eine Ausnahme.
Auch wenn es für Europa schwierig oder gar unmöglich sein mag, bei den LLMs aufzuschließen, plädiert Aghion dafür, KI-Technologien in Bereichen einzusetzen, in denen Europa traditionell stark ist. Wie etwa im Gesundheitswesen: “Wir verfügen in Europa über hervorragende Gesundheitsdaten – weitaus bessere als in den USA. Und es wird fantastische KI-Anwendungen im Gesundheitsbereich geben. Wir können eine Vielzahl spezialisierter KI-Lösungen entwickeln.”
Und bei richtiger Umsetzung könnte sich auch die europäische Neigung zur Regulierung als Stärke erweisen, etwa im Bereich Datenschutz und Privatsphäre. “Ich glaube, es wird eine Nachfrage nach ethischer KI geben – einer KI, die bestimmte Risiken vermeidet”, sagt er. “Die Menschen wollen geschützt werden. Ein gewisses Maß an Regulierung wird uns noch attraktiver machen.”
Wie Europa aufholen könnte
Einige Wirtschaftsvertreter sehen das auch so. Thomas Saueressig, Vorstandsmitglied bei SAP, dem größten Softwareunternehmen Europas, plädiert für einen KI-Einsatz, der über LLMs hinausgeht, um traditionelle europäische Industriezweige “auf Steroide” zu setzen – sie also zu dopen.
“Nehmen wir zum Beispiel unsere Kompetenzen in der Fertigung: Wir könnten physische KI nutzen und diese auf die nächste Stufe heben”, sagte Saueressig im Wirtschafts-Podcast “The Dip” der Deutschen Welle. “Wir müssen diese Technologie nutzen, um unser bestehendes Modell per Technologiesprung in die Zukunft zu führen. In unsicheren Zeiten ist es das größte Risiko, gar kein Risiko einzugehen.”
Doch dafür müssen die Europäer ihre Hausaufgaben machen, betont Nobelpreisträger Aghion. “Zunächst brauchen wir ein besseres Forschungsumfeld mit mehr langfristiger Forschungsfinanzierung”, sagt er. “Außerdem benötigen wir mehr Risikokapital und mehr Pensionsfonds.”
Mehr Risikokapital in Europa
Europäische Startups haben es, ganz unabhängig davon, ob sie im KI-Bereich tätig sind oder nicht, oft schwer, eine Finanzierung zu erhalten. Banken zögern häufig, Startups zu finanzieren, da viele junge Unternehmen scheitern und es ihnen an Sicherheiten mangelt.
“Anders sieht es bei spezialisierten Investoren aus”, sagt Marlene Schörner, Forscherin für EU-Finanzmärkte am Jacques Delors Centre in Berlin und meint damit sogenannte Risikokapitalgeber oder Business Angels. “Für sie ist es ok, dass viele Startups scheitern, denn sie profitieren sehr stark von Startups, die Erfolg haben, und bei denen sie als Investoren eingestiegen sind. Wir brauchen deshalb mehr von diesen spezialisierten Investoren.”
Eine Möglichkeit, mehr Risikokapital anzuziehen, bestehe in der Harmonisierung der Regeln innerhalb der EU. “Investoren wollen wissen, was passiert, wenn ein Unternehmen scheitert. Können sie ihr Geld zurückerhalten? Und wenn ja, wie lange dauert das? Doch das Insolvenzrecht unterscheidet sich in den EU-Mitgliedsstaaten sehr”, sagte Schörner im deutschsprachigen Wirtschaftspodcast der DW, “Wirtschaft im Gespräch”.
Billionen auf der hohen Kante
Eine weitere Möglichkeit, der europäischen Startup-Szene neuen Schwung zu verleihen, könnte darin bestehen, die enormen Geldreserven des Kontinents zu nutzen. “Die privaten Haushalte in Europa haben Ersparnisse in Höhe von rund zwölf Billionen Euro”, so der luxemburgische Premierminister Luc Frieden im Mai bei einer Rede auf dem Brussels Economic Forum. “Doch der Großteil dieses Geldes fließt in Immobilien und Staatsanleihen statt in Investitionen in Startups.”
Um dies zu ändern, hat die Europäische Kommission die Spar- und Investitionsunion ins Leben gerufen. Das sei im Grunde eine Umbenennung der schon seit mehr als zehn Jahren geforderten Kapitalmarktunion, erklärt Marlene Schörner. “Es besteht ja schon sehr lange das Ziel, die europäische Kapitalmärkte zu integrieren und einen gemeinsamen Markt zu schaffen. Das war aber bisher nicht sehr erfolgreich.”
Noch immer zögern viele EU-Länder, die Kontrolle über ihre Finanzmärkte abzugeben. Die Hoffnung ist nun, dass die jüngsten geopolitischen Veränderungen – die Debatte über die Verlässlichkeit der USA als Partner und die Notwendigkeit zu größerer Eigenständigkeit der Europäer – genügend Druck auf die 27 EU-Mitgliedstaaten ausüben, damit diese ihre Differenzen beilegen und einen gemeinsamen Finanzmarkt schaffen.
Deutschland und Frankreich voran!
Philippe Aghion ist der Ansicht, dass Forschung und Finanzierung durch die Einbindung des Militärs erheblich verbessert werden könnten. “Wir brauchen so etwas wie die DARPA”, regt er an. Damit meint er die Defense Advanced Research Projects Agency, eine US-Behörde, die mit der Entwicklung von Technologien für militärische Zwecke beauftragt ist. Die Behörde wurde 1958 gegründet und spielte eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Technologien wie dem Internet und GPS.
Da Aghion bezweifelt, dass alle EU-Mitglieder die Idee einer europäischen DARPA unterstützen würden, schlägt er vor, dass zunächst Frankreich und Deutschland vorangehen. “Wir könnten eine deutsch-französische DARPA gründen, und andere Länder könnten sich anschließen, wenn sie das möchten.”
Der Nobelpreisträger bezeichnet sich selbst als “kämpferischen Optimisten” in Bezug auf KI. Er mahnt jedoch die europäische Politik zur Vorsicht. Um dem zerstörerischen Potenzial von KI zu begegnen, müsse sich Europa auf Bildung konzentrieren. Dazu gehöre auch die Umschulung derjenigen, die ihren Arbeitsplatz verlieren.
In Ländern ohne flexiblen Arbeitsmarkt und funktionierende Systeme für Bildung und soziale Sicherung werde “KI für viel Unzufriedenheit und Frustration sorgen, und es besteht ein großes Risiko, dass sie über lange Zeit hinweg dem Populismus verfallen”, so Philippe Aghion.
Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen adaptiert.
Quelle:
www.dw.com



