Es ist eine bezeichnende Statistik: Fußballspielerinnen haben laut verschiedenster Studien ein doppelt bis acht Mal höheres Risiko sich das Kreuzband zu reißen wie ihre männlichen Kollegen. Monatelange Verletzungspausen und verpasste Turniere waren schon die bittere Konsequenz für Profis wie Nationalspielerin Giulia Gwinn oder Lena Oberdorf.
Das Problem ist nicht neu, aber trotzdem schlecht erforscht. Wie in vielen Bereichen der Frauengesundheit fehlen Daten, um die Verletzung und ihre Ursachen besser zu verstehen.
Großer Nachholbedarf bei Datenerfassung
Das Universitätsklinikum in Regensburg will helfen das zu ändern. Verletzungen von Spielerinnen der 1. und 2. Frauen-Bundesliga werden seit der Saison 2023/2024 in einem Register erfasst. Erste Analysen aus dem Jahr zeigten ein vierfach höheres Risiko für einen Kreuzbandriss im Vergleich zu männlichen Spielern, deren Verletzungen ebenfalls erfasst wurden.
“Es wird zwar international zunehmend zum Frauenfußball geforscht, aber die Lücke im Vergleich zu dem, was es an Masse im Männerfußball gibt, ist weiterhin groß”, erklärt Lorenz Huber im Gespräch mit der Deutschen Welle (DW). Huber arbeitet als Assistenzarzt unter Studienleiter Volker Alt am Klinikum in Regensburg.
Die letzten Studien mit Daten zum professionellen deutschen Frauenfußball habe es 2006 und 2007 gegeben – dann kam lange nichts. “Es gibt einen großen Nachholbedarf”, so der Arzt. Und genau da liegt das Problem: Bei schlechter Datenlage sind Prävention und Behandlung unter Umständen weniger effektiv.
Anatomie von Frauen spielt eine Rolle
Doch was ist schon zu den Ursachen des höheren Risikos für Knieverletzungen bekannt?
Unter anderem liegt es laut Expertinnen und Experten an der Anatomie des weiblichen Körpers. Frauen haben ein breiteres Becken und neigen zu einer X-Bein-Stellung, wodurch sie anfälliger für Kreuzbandrisse sind. Außerdem haben sie in der Regel eine geringere Muskelkraft, was das Kniegelenk instabiler machen kann. Das schwächere Bindegewebe und der Zyklus spielen ebenfalls eine Rolle.
Aber damit hört es nicht auf: “Ich glaube im Frauenfußball ist es noch komplexer als im Herrenfußball. Es ist multifaktoriell, warum diese Spielerinnen sich verletzen”, sagt Huber.
Arbeitsbelastung kann sich auf Gesundheit auswirken
Die vom Uniklinikum erhobenen Daten zeigen, dass Spielerinnen, die oft auf dem Platz stehen, sich auch häufiger verletzen.
Auch für Männer ist das ein Risikofaktor, aber laut einem aktuellen Bericht der globalen Spielergewerkschaft FIFPRO sind Frauen besonders gefährdet.
FIFPRO hat die Arbeitsbelastung von knapp 300 weiblichen Fußballprofis weltweit in der Saison 2024/2025 analysiert. Ein Ergebnis: Die Spielerinnen bekommen immer mehr Einsätze. Zum ersten Mal seit der Saison 2020/2021 standen 15 Fußballerinnen mindestens 50 Mal auf dem Platz. Dadurch verkürzten sich aber auch die Abstände zwischen Spielen auf unter fünf Tage – was sich auf die Regeneration auswirkte.
Solche “back-to-back” Spiele seien besonders für Frauen ein Problem, da viele von ihnen nur Zugang zu “grundlegenden Trainings-, medizinischen und sonstigen Regenerationsmöglichkeiten sowie entsprechender Ausrüstung” hätten, so FIFPRO.
Die fehlende Infrastruktur habe einen großen Einfluss auf die Arbeitsbelastung, denn selbst bei den großen und besten Vereinen seien die Bedingungen nicht dieselben wie bei den Männern, erklärte Alex Culvin, die Leiterin des Bereichs Frauenfußball von FIFPRO, in einem Interview mit Reuters.
Gefälle innerhalb der Vereine
Auch Lorenz Huber vom Uniklinikum Regensburg sieht ein Gefälle im Frauenfußball. In den Top-Vereinen der ersten Bundesliga gebe es sehr professionelle Bedingungen, und auch andere Vereine würden nachziehen. Trotzdem sei die medizinische Versorgung “nicht zu vergleichen mit dem, was wir im Herrenfußball sehen”, so der Sportwissenschaftler.
Eine Diskrepanz zeigt sich auch auf dem Platz. Frauen spielen insgesamt deutlich weniger als Männer. Nur Aitana Bonmatí aus Spanien, die beim FC Barcelona unter Vertrag steht, kam in der Saison 2024/2025 auf 60 Spiele. Zum Vergleich: Von den knapp 1.500 Männern in der FIFPRO-Datenbank standen in diesem Zeitraum 111 Akteure mindestens 60 Mal auf dem Feld.
Ein Grund ist, dass Frauen-Ligen kleiner sind und weniger Spieltage haben. Das bedeutet aber auch, dass die Mehrheit der Fußballerinnen, die weder in den Top-Clubs noch in nationalen oder internationalen Wettbewerben spielt, oft längere Phasen ohne Spiele hat.
“Dieser Mangel an regelmäßiger Spielpraxis auf hohem Niveau schränkt die Entwicklung der Spielerinnen ein, beeinträchtigt ihre Wettkampfvorbereitung, erhöht das Verletzungsrisiko und verringert ihre Sichtbarkeit auf größeren Bühnen”, heißt es im Bericht der FIFPRO.
Die Daten des Uniklinikums hingegen können nicht bestätigen, dass unregelmäßige Spiele das Verletzungsrisiko erhöhen. Die Auswertung zeigt aber, dass es häufig einen Anstieg an Verletzungen nach der Sommer- und Winterpause gibt.
Fortschritte im Frauenfußball
Die Unterschiede zwischen den Strukturen und Verletzungsrisiken im Männer- und Frauenfußball sind also noch sehr präsent. Doch Huber sieht positive Tendenzen und eine starke Weiterentwicklung. “Seit wir die Studie gestartet haben, tut sich extrem viel”, berichtet er.
Es sei in seinen Augen eine generelle Bewegung zu erkennen, die sich an höheren Zuschauerzahlen, einer größeren Präsenz und der Professionalisierung zeige.
Um eine wirkliche Verbesserung bei der Prävention von Verletzungen zu erzielen, müsse aber auch schon im Training auf geschlechtsspezifische Unterschiede und Bedürfnisse speziell von Frauen eingegangen werden.
Quelle:
www.dw.com



