Wer kennt sie nicht? Die Kollegin, die immer von ihrem Beziehungsdrama erzählen muss, jede Unterhaltung monopolisiert und dann noch bedauernde Kommentare zum immer gleichen Thema erwartet – jeden Tag. Oder der Vater, der ständig mit Technikfragen anruft, mehr oder weniger subtil den Lebensstil seines Kindes kritisiert, aber trotzdem erwartet, dass besagtes Kind seine Arzttermine für ihn macht.
Eine neue Studie, veröffentlicht im Fachblatt Proceedings of the National Academy of Sciences, bestätigt nun, was sich viele schon lange gedacht haben: Solche Leute könnten uns schneller altern lassen.
Menschen brauchen gesunde soziale Beziehungen. Aber wer in seinem Umfeld regelmäßig mit anstrengenden Personen zu tun hat, die von den US-Forschenden in der Studie “hasslers” genannt werden (to hassle: jemanden schikanieren oder sich mit etwas herumplagen), altert schneller.
Wichtig bei dem Ergebnis: Das Team hinter der Studie hat bisher nur eine Korrelation und keine Kausalität nachweisen können. Soll heißen: Bei den Testpersonen, die mehr “hasslers” in ihrem Leben hatten, war ein schnellerer biologischer Alterungsprozess zu beobachten. Das bedeutet nicht zwingend, dass die Nervensägen das schnellere Altern auch verursachen.
Je mehr anstrengende Bekannte, desto schneller der Alterungsprozess
Fest steht aber: Die Forschenden haben einen Häufungseffekt festgestellt. Je mehr dieser anstrengenden Menschen man in seinem Bekanntenkreis hat, desto schneller altert man. Und jede zusätzliche Nervensäge macht es schlimmer. Die Forschenden fanden heraus, dass jeder “hassler” mit einer 1,5-prozentigen Verschnellerung des Alterungsprozesses korrelierte. Bei diesem Tempo würde der Körper innerhalb eines Kalenderjahres um 1,015 biologische Jahre altern.
Klingt nicht nach viel? Hochgerechnet auf einen Zeitraum von 10 Jahren würde das fast zwei extra Monate Altern bedeuten, und zwar für jede Nervensäge, mit der man sich regelmäßig herumschlagen muss.
Ein möglicher Grund dafür: Die Autorinnen und Autoren der Studie haben herausgefunden, dass die Folgen von regelmäßigem Kontakt mit solch anstrengenden Menschen die gleichen sind wie die von Geldsorgen oder Stress auf der Arbeit: ein höheres Risiko für Herzkreislauferkrankungen, reduzierte Immunreaktionen und mehr Entzündungen im Körper.
Frauen haben eher mit Nervensägen zu tun als Männer
Für die Studie nahm das Forschungsteam Speichelproben von 2345 Probandinnen und Probanden im US-Bundesstaat Indiana und testete die DNA, um mehr über den biologischen Alterungsprozess der Personen herauszufinden. Die Teilnehmenden waren zwischen 18 und 103 Jahren alt. Im Rahmen der Studie beantworteten sie außerdem Fragen zu ihren sozialen Beziehungen und ihrer allgemeinen Gesundheit.
Frauen gaben häufiger an, “hassler” in ihrem Umfeld zu haben als Männer (es ist unklar, ob es unter den anstrengenden Bekannten selbst mehr Frauen oder Männer gab).
Besonders viele Nervensägen fanden sich nach Aussagen der Teilnehmenden in sozialen Beziehungen, in denen man ihnen praktisch ausgeliefert ist. Es finden sich mehr “hassler” unter Kollegen und Mitbewohnerinnen als im Freundeskreis, wo man sich ja für gewöhnlich aussucht, mit wem man Zeit verbringt. Viele unter uns werden das bestätigen können: Mit unangenehmen Personen zusammenarbeiten oder sogar wohnen zu müssen, ist Stress ganz eigener Art.
Nicht alle Nervensägen sind gleich
Aber die Korrelation gilt generell, nicht nur bei anstrengenden Mitbewohnern: Menschen, die in ihrem Alltag mit “hasslers” zu tun haben, altern schneller. Und dieser biologische Prozess hat es in sich. Schäden auf der Molekularebene, die nicht mehr repariert werden, häufen sich. Das führt dazu, dass verschiedenste Körperfunktionen nicht mehr so laufen wie früher. Außerdem ist man anfälliger für Krankheiten und Verletzungen. Alt werden ist eben nichts für Feiglinge.
Beschleunigtes biologisches Altern geht Hand in Hand mit weiteren “negativen gesundheitlichen Folgen wie beispielsweise chronischen Erkrankungen und einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko”, heißt es in der Studie.
Die Forschenden fanden außerdem heraus, dass die Verbindung zwischen dem schnelleren Alterungsprozess und Nervensägen bei einigen “hasslers” stärker war als bei anderen. Wenig überraschend: Bei anstrengenden Familienmitgliedern ist die Korrelation mit schnellerem Altern ausgeprägter als bei Nervensägen, die nicht mit uns verwandt sind.
Aber es gibt eine Ausnahme: Die Forschenden fanden keine deutliche Verbindung zwischen beschleunigtem biologischem Altern und romantischen Partnern, die als “hassler” kategorisiert wurden. Ein anstrengender Ehemann oder eine nervige Partnerin scheinen also nicht dazu beizutragen, dass uns schneller graue Haare wachsen. Immerhin etwas.
Quelle:
www.dw.com



