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SportHeimat der Olympiastars: Wackelt Berlins Eiskunstlauf‑Stützpunkt?

Heimat der Olympiastars: Wackelt Berlins Eiskunstlauf‑Stützpunkt?

Stand: 15.04.2026 • 14:26 Uhr

Der Paarlauf ließ den deutschen Eiskunstlauf zuletzt wieder strahlen. Berlins Topathleten lieferten Erfolge, doch ihr Bundesstützpunkt steht auf der Kippe. Die Gründe dafür kennen die Betroffenen selbst nicht.

Anerkennung des Bundesstützpunkts Eiskunstlauf 2027 bis 2030 offen
Berlin einer von drei Eiskunstlauf-Bundesstützpunkten
Paarläufer aus der Hauptstadt feierten Erfolge bei Olympia
Nachwuchsbereich wäre besonders in Mitleidenschaft gezogen

Robert Kunkel klingt aufgebracht, wenn er über die ungewisse Zukunft des Eiskunstlaufs in Berlin spricht. “Man kann ja nicht das einzige Pferd, was läuft, einfach cutten. Das geht ja nicht. Mit welcher Begründung?”, sagt der Eiskunstläufer am Telefon. “Cutten”, im Sinne von wegkürzen.

Der Bundesstützpunkt Berlin, wo Kunkel sich mit Paarlaufkollegin Annika Hocke auf die Olympischen Winterspiele 2026 vorbereitete, steht möglicherweise auf der Kippe.

Berlin ließ den Eiskunstlauf neu strahlen

Der Wegfall des traditionsreichen Stützpunkts hätte für Kunkel, wahrscheinlich für den gesamten Standort, weitreichende Konsequenzen. Es geht um die Bezahlung von Trainern, um Nachwuchsförderung und letztlich um die Sichtbarkeit einer Randsportart, die sich in den vergangenen Jahren zurück ins Rampenlicht gekämpft hat, auch durch Robert Kunkel.

Bei den Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina sorgten er und Annika Hocke mit zwei emotionalen, erfrischenden Auftritten für Aufsehen. Ein anderes Paarlauf-Team aus Berlin war noch erfolgreicher, Minerva Hase und Nikita Volodin lagen zwischenzeitlich in Führung, holten letztlich Bronze.

Paarläuferin Minerva Hase im März

Wir müssen gucken, ob Berlin ein Bundesstützpunkt bleibt; ob unser Trainerteam so weitermachen möchte. Da sind einfach noch sehr viele offene Fragen.

Während die deutschen Eistänzer bei Olympia den letzten Platz belegten und im Einzel gar niemand aus Deutschland antrat, sorgte der Paarlauf für glänzende Olympia-Momente – Made in Berlin.

Werden Athleten übergangen?

Vor diesem Hintergrund äußert Kunkel seine Irritation: “Die Begründung würde ich mal gerne hören, warum man sagt: Paarlauf, das einzige, was läuft, deshalb betreiben wir es nicht weiter.”

Auf Kunkel wirkt es, als würden die Athleten, die zuletzt bei großen Wettbewerben abgeliefert haben, einfach übergangen bei einer Entscheidung, die für ihre weitere Karriereplanung ja von entscheidender Bedeutung ist. Wo und unter welchen Bedingungen können sie weitertrainieren?

Paarlauf-Star Minerva Hase machte ihre Karriereplanung ebenso von den Trainingsbedingungen in ihrer Heimat abhängig. “Wenn es weitergehen soll, dann in einem professionellen und guten Rahmen”, sagte die spätere WM-Goldmedaillengewinnerin dem rbb Anfang März. “Wir müssen gucken, ob Berlin ein Bundesstützpunkt bleibt; ob unser Trainerteam so weitermachen möchte. Da sind einfach noch sehr viele offene Fragen.”

Offene Fragen. Fehlende Begründungen. So nehmen es die Spitzenathleten gerade wahr. Offenbar ist diese Geschichte auch eine von verunglückter Kommunikation.

Spitzenbedingungen im Stützpunkt

Was eine Streichung des Bundesstützpunkts bedeuten würde, kann Robert Kunkel nur erahnen. Der 26-Jährige hat seit Kindesbeinen unter Top-Bedingungen am Stützpunkt trainiert, wo die Eiskunstläufer mit dem Sportforum und dem Sportkomplex in der Paul-Heyse-Straße auf zwei Sportstätten zurückgreifen können.

Außerdem gibt es dort Athletikbereiche, Seminarräume und ein Schul- und Leistungssportzentrum. Diese Infrastruktur für den Eiskunstlauf ist seit DDR-Zeiten tief verwurzelt im Osten Berlins.

“Grundsätzlich ist ein Bundesstützpunkt immer dazu da, sowohl den Spitzensport als auch den Nachwuchs und höheren, international sichtbaren Nachwuchsleistungssport fördern zu können. Dafür braucht es eine Trainingsinfrastruktur an den Standorten”, sagt DEU-Sportdirektor Jens ter Laak über die Bedeutung solcher Leistungszentren.

Eiszeiten wertvoll wie Feenstaub

2022 hatten Kunkel und Hocke ihren Haupttrainings-Standort zwar ins italienische Bergamo verlegt, wo sie zusammen mit einigen der weltbesten Eiskunstläufern trainierten. Trotzdem haben sie in der vergangenen Saison eigenen Angaben zufolge die Hälfte ihres Trainings am Bundesstützpunkt absolviert und wegen der guten Bedingungen sogar ihren italienischen Heim-Trainer einfliegen lassen.

Furcht vor Bedeutungsverlust

“Die ganzen negativen Auswirkungen würde man erst spüren, wenn es irgendwann nicht mehr so sein sollte”, sagt Kunkel auf die mögliche Schließung angesprochen. “Wenn es keine Eiszeiten mehr gibt, keine bezahlten Trainer, weil die Landestrainerstellen gekippt werden, weil die Zeiten an Eishockey abgegeben werden. Man rückt aus dem Fokus, man ist nicht mehr die Priorität. Kurz zusammengefasst: die Trainingsbedingungen würden sich drastisch verschlechtern.”

Worauf es jetzt ankommt, damit Berlin den Status “Bundesstützpunkt” aufrechterhält, das würde Kunkel gerne erfahren. “Das kann einem aber auch keiner sagen”, stellt er frustriert fest.

Land Berlin befürwortet Erhalt

Heute gibt es drei Eiskunstlauf-Bundesstützpunkte, außer Berlin sind das Dortmund und Oberstdorf.

Das Land Berlin Standorts befürwortet den Erhalt des Bundesstützpunkts in der Hauptstadt “grundsätzlich”, wie die Senatsverwaltung für Inneres und Sport auf Anfrage mitteilt. Das Land unterstützt den Standort außer durch Trainingsanlagen mit jährlich rund 255.000 Euro für Leistungssportpersonal. Hinzu kommen Förderungen des Bundes.

Auch DEU will bestehende Stützpunkte erhalten

Der nächste Anerkennungszeitraum für den Bundesstützpunkt Eiskunstlauf ist wie für die meisten anderen Wintersport-Stützpunkte der Olympiazyklus 2027 bis 2030.

Alle bestehenden Stützpunkte – inklusive Berlin – möchte die Deutsche Eislauf Union (DEU) gerne aufrechterhalten. Einen entsprechenden Antrag muss der Spitzenverband beim Bund stellen, genauer: im Bundeskanzleramt, wo der Posten von Sportministerin Christiane Schenderlein beheimatet ist.

Nach einer sportfachlichen Prüfung des Standorts durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) hebt oder senkt das Kanzleramt den Daumen über den Bundesstützpunkt.

Anerkennungsverfahren noch in Vorbereitung

“Die konkreten Verfahrensschritte für den Anerkennungsprozess Wintersport 2027ff. werden derzeit unter Federführung des Bundes erarbeitet. Eine erneute Überprüfung des Bundesstützpunkts steht daher noch aus”, erklärt der DOSB auf Anfrage.

Anders gesagt: Robert Kunkel und die anderen Eiskunstläufer bekommen derzeit keine Informationen zum Fortbestand ihres Bundesstützpunktes, weil die Bedingungen für einen Erhalt noch gar nicht klar sind.

“Derzeit befindet sich das anstehende Anerkennungsverfahren für die Wintersport-BSP in Vorbereitung. Konkrete Aussagen zum BSP Eiskunstlauf in Berlin können daher zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gemacht werden”, teilt Schenderleins Pressestelle auf Anfrage mit.

DEU-Sportdirektor Jens ter Laak über Standortfrage

Ein schulpflichtiges Kind kann nicht einfach so woanders trainieren.

Bedeutet für die Eislauf-Union: Sie wartet auf die Anerkennungsvoraussetzungen des Bundes. “Die Anträge sind noch nicht gestellt, aber sie sind deswegen noch nicht gestellt, weil wir sie noch nicht stellen können. Wir müssen erst die entsprechenden Kriterien haben”, sagt Sportdirektor Jens ter Laak. “Aber wir werden sie in diesem Jahr stellen, das kann ich sagen”.

Frustration über die offenen Fragen zum Bundesstützpunkt sind weder beim Verband noch beim DOSB herauszuhören. Obwohl der Vorgang von außen wie eine Hängepartie wirkt.

Streichung des BSP wäre für Nachwuchsarbeit fatal

Käme es zur Absetzung des Berliner Stützpunkts, hielte Jens ter Laak das für den Nachwuchsbereich für wesentlich problematischer als für den Spitzensportbereich: “Die Nachwuchsentwicklung ist natürlich standortgebunden. Ein schulpflichtiges Kind kann nicht einfach so woanders trainieren. Das heißt, die Rahmenbedingungen, die ein Bundesstützpunkt beliefert und liefern kann, sind vor allen Dingen im Nachwuchsleistungssport relevant”, sagt er auch mit Blick auf die nötige Kooperation zwischen Schule und Leistungssport.

Antrag soll im Sommer gestellt werden

Ter Laak hofft, dass die Deutsche Eislauf-Union den Antrag im Sommer stellen kann. “Je früher wir die Anerkennungskriterien kennen, desto einfacher ist es natürlich, Dinge vorzubereiten.”

Und: Er zeigt sich optimistisch, was den Erhalt des Elite-Eiskunstlauf in Berlin angeht. “Ich gehe davon aus, dass wir mit unseren Konzepten auch über das Jahr 2026 hinaus die Bundesstützpunkte Berlin, Dortmund und Oberstdorf zur Verfügung haben.”

Sendung: rbb|24, 16.04.2026, 08:00 Uhr

Audio: rbb|24, 16.04.2026, Shea Westhoff


Quelle:

www.sportschau.de