Weil sein Sohn auf der Intensvistation lag, musste Orlando Gill seine Schuhe verkaufen. Der Torhüter kam aus der Armut und ist nach einem steilen Aufstieg plötzlich ein Nationalheld.
Orlando Gill wirkte wie eine unüberbrückbare Wand, die sich zwischen der DFB-Elf und dem WM-Achtelfinale aufgebaut hatte. Immer wieder probierte es die DFB-Elf, den fast zwei Meter großen Torhüter zu überwinden, doch die Wand wollte nicht weichen.
Joshua Kimmich per Ecke, Waldemar Anton, Kai Havertz – sechs Torschüsse parierte Gill, vier davon kamen aus kurzer Distanz aufs Tor, ehe er im Elfmeterschießen endgültig über sich hinauswuchs: Havertz und Woltemades Schüsse landeten an den Händen des Keepers.
Alfaros pathetische Ansprache
Nach dem historischen Einzug ins Achtelfinale erklärte Nationaltrainer Gustavo Alfaro, was er seiner Mannschaft vor dem Spiel mitgegeben hatte: “Ich habe ihnen gesagt, dass ihre Gegner in den besten Fußball-Akademien Europas ausgebildet wurden. Wir hingegen kommen von der roten Erde.”
Seine Spieler seinen vom Einsatz und den Entbehrungen ihrer Eltern geprägt worden, betonte er. Diese hätten vieles geopfert und finanzielle Schwierigkeiten in Kauf genommen, um ihren Kindern die Verfolgung ihres Traums zu ermöglichen.
Für die Behandlung seines Sohns: “Er hat alles verkauft”
Gill dürften diese Worte in doppelter Hinsicht berührt haben. Einerseits mit dem Gedanken an seine eigene Kindheit und an seine Eltern, andererseits, weil er noch vor Kurzem selbst dieser Vater war. Als seine Frau schwanger war, war er ein junger Ersatztorhüter beim damaligen paraguayischen Zweitligisten CS San Lorenzo. “In der zweiten Liga ist es ein großes Problem, pünktlich bezahlt zu werden. Die Gehälter sind nicht besonders hoch. Es ist wirklich ein Kampf. Zum Leben reicht es gerade so. Aber sobald unerwartete Ausgaben dazu kommen, wird es richtig schwierig”, erinnert sich Gill vor der WM.
Und im Dezember 2022 kamen solche unerwarteten Ausgaben: Bei der Geburt seines Sohnes gab es Komplikationen. Der neugeborene Lautaro kam auf die Intensivstation. Um die Kosten für seine Versorgung zu decken, musste Gill seine Besitztümer verkaufen: seine Fußballschuhe, seine Pokale und das Trikot, das er bei seinem Debüt für Paraguays U20-Nationalmannschaft getragen hatte.
Seine Frau, Melissa Ávalos erklärte in einem Instagram-Post im vergangenen Jahr: “Unser Sohn kämpfte um sein Leben und sein Papa war immer an seiner Seite. Er hat buchstäblich alles verkauft.” Ihr Sohn überlebte und konnte einen Tag vor Weihnachten das Krankenhaus verlassen. “Wir gingen zu Verwandten zum Abendessen, weil wir zu Hause wirklich nichts hatten”, so Gill.
Drei Jahre liegt diese schwierige Zeit zurück. Doch dann sollte es für Gill bergauf gehen. Obwohl er nur wenig Einsatzzeiten bekam, wurde der argentinische Erstligist CA San Lorenzo auf den Torhüter aufmerksam, 2024 folgte der Wechsel. Zunächst als Keeper für die zweite Mannschaft eingeplant, überzeugte Gill in seiner ersten Saison, stieg ein Jahr nach seiner Ankunft zum Stammtorhüter der ersten Mannschaft auf – und spielte sich in den Fokus der Nationalmannschaft.
Heftige Kritik von Torhüter-Legende Chilavert
Im Juni 2025 wurde er als Ersatzmann hinter Roberto Fernández berufen. Im September, weniger als ein Jahr vor der WM, gab er sein Debüt und stieg zur Nummer 1 auf. Ein Schritt, der viel Kritik hervorrief. Die lauteste kam von Paraguays Torhüter-Legende José Luis Chilavert – und betraf Gills ruhige Spielweise: “Gill spricht nicht, er spielt komplett stumm. Ein Torhüter darf nicht stumm spielen. Er muss seine Verteidigung führen.”
Star der WM – folgt nun der Wechsel nach Europa?
Verstummt ist mittlerweile die Kritik an Gill. Laut dem offiziellen Torhüter-Power-Ranking der FIFA ist er bislang der beste Torhüter der WM. Aktuell schießen zahlreiche Gerüchte über das Interesse europäischer Spitzenvereine aus dem Boden. Der FC Valencia, Besiktas, der FC Turin und Lazio Rom sind laut aktuellen Medienberichten an einer Verpflichtung des 26-Jährigen interessiert. Ob er sich für einen dieser Vereine entscheidet, wird man nach der WM sehen.
Nun steht in der so steilen Karriere von Orlando Gill erstmal die nächste Steigerung an. Im WM-Achtelfinale trifft Paraguay auf Frankreich. Gegen die entfesselte Offensive um Kylian Mbappé, Michael Olise und Ousmane Dembélé muss Gill erneut über sich hinauswachsen, damit sein Team eine Chance hat, das nächste Fußball-Wunder zu erleben. Und das Trikot, das Gill tragen wird, muss er wohl nie aus Geldnot verkaufen.
Quelle:
www.sportschau.de




