Gut für Deutschland, schlecht für Südkorea. Die deutsche Rüstungsfirma, Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS), erhielt einen milliardenschweren Auftrag von der kanadischen Regierung für bis zu zwölf U-Boote. Der südkoreanische Konzern Hanwha Ocean ging leer aus. Bis zur Übernahme 2023 durch war das südkoreanische Schiffbauunternehmen als Daewoo Shipbuilding & Marine Engineering (DSME) bekannt.
Dass Südkorea zurückstecken muss, ist aber eher die Ausnahme. Laut der “Seoul Economic Daily” hat Südkorea 2025 Waffen im Wert von 15,4 Milliarden US-Dollar exportiert. 2022 lag der Rekord bei 17,3 Milliarden US-Dollar. Südkorea ist mittlerweile der viertgrößte Waffenexporteur der Welt hinter den USA, Frankreich, Israel und noch vor Deutschland. 2025 genehmigte die Bundesregierung laut Medienbericht Waffenausfuhren im Wert von über 13 Milliarden Euro.
So baute zum Beispiel Hanwha Ocean, der von deutschen TKMS im Kanadageschäft überboten wurde, U-Boote mit ballistischen Raketen. Vier dieser KSS-III-Klasse sind bei der südkoreanischen Marine im Dienst. Das Vorgängermodell des U-Boots war allerdings von der deutschen Werft HDW in Kiel entwickelt worden, die 2005 Teil von TKMS wurde.
“Südkorea ist bemüht, bei der Ausrüstung der Streitkräfte unabhängiger zu werden, indem sie massiv in Forschung und Entwicklung von Rüstungsunternehmen investieren. Die Rüstungsfirmen konnten nun zu anderen Nationen aufschließen”, sagt Park Saing-in, Wirtschaftswissenschaftler an der Seoul National University.
Südkoreas starker Rüstungssektor wegen Nordkorea
Südkorea unterhält schon seit Langem einen robusten Rüstungssektor. Hintergrund ist die drohende Kriegsgefahr durch den kommunistischen Norden. Es herrscht offiziell eine Waffenruhe. Vom Kriegsende war aber nie die Rede. Die bisherigen Regierungen in Seoul haben daher kräftig in die Rüstung investiert. Nun entdeckt Südkorea neue internationale Märkte bei zunehmenden bewaffneten Konflikten weltweit und dem Ruf nach Aufrüstung.
“Südkorea befindet sich in einer einzigartigen politischen und geopolitischen Lage”, sagt Park im DW-Interview. Das Land stehe unter ständiger Bedrohung durch Nordkorea. Sicherheitspolitisch sei der Süden nach dem Ende des Koreakriegs in den 1950er-Jahren von der militärischen Präsenz der USA abhängig. Die US-Streitkräfte betreiben zum Beispiel ihren weltweit größten Stützpunkt, Camp Humphrey, in Südkorea mit mehr als 40.000 Soldaten.
Neue Nischenmärkte
Allerdings muss Südkorea hochpreisige Rüstungsgüter nach wie vor aus den USA importieren, wie die Stealth-Kampfflugzeuge vom Typ F-35 Lightning II. Doch südkoreanische Rüstungshersteller haben sich auf die Produktion von Waffensystemen und Ausrüstung der mittleren Preisklasse spezialisiert, die schnell und zu vergleichsweise niedrigen Preisen hergestellt werden.
Die Mittelstrecken-Boden-Luft-Rakete M-SAM “Cheongung-II” (Artikelbild) zum Beispiel ist dafür ausgelegt, ballistische Raketen und Flugzeuge in einer Reichweite von bis zu 40 km abzufangen. Hersteller der Raketen ist die südkoreanische Agency for Defense Development (ADD), damals noch mit technischer Unterstützung aus Russland vor Indienststellung 2015.
Als Konkurrenzprodukt des in den USA hergestellten “Patriot”-Systems verkaufte Südkorea 2022 zehn M-SAM-Batterien an die Vereinigten Arabischen Emirate. Das System konnte während der ersten Raketenangriffe im Nahostkonflikt mit einer Abfangquote von 96 Prozent überzeugen. Inzwischen haben der Irak und Saudi-Arabien insgesamt 20 Batterien bestellt.
Der Listenpreis von einer Abfangrakete liegt bei 1,1 Million US-Dollar. Das ist ein Drittel einer Patriot-Rakete. Die Lieferzeit liegt bei circa einem Jahr. Auf eine Patriot-Batterie müssen die Kunden mindestens vier Jahre warten.
Neue Waffensysteme für Export
Die koreanischen Mischkonzerne haben sich in ihrem Portfolio diversifiziert. In der Vergangenheit stützte sich das Land stark auf seine Tradition im Schiffbau, um neben Artilleriesystemen und Flugzeugen auch Kriegsschiffe zu liefern. Das Angebot hat sich seitdem auf gepanzerte Fahrzeuge, Raketen und Luftabwehrsysteme ausgeweitet.
Waffensysteme “Made in South Korea” haben schon in Europa Fuß gefasst. Auslöser war der russische Angriffskrieg auf die Ukraine vor vier Jahren. So war 2025 das EU-Land Polen der größte Abnehmer. Exporte nach Polen alleine machten mehr als 40 Prozent der gesamten südkoreanischen Ausfuhren von Rüstungswaren aus.
Warschau hat 364 maßgeschneiderte selbstfahrende 155-mm-Haubitzen vom Typ K9 Thunder sowie 360 Kampfpanzer vom Typ K2 Black Panther bestellt, die als einer der leistungsfähigsten Panzer der Welt gelten. Polen erwirbt zudem K239 Chunmoo-Mehrfachraketenwerfer, 48 leichte Kampf- und Trainingsflugzeuge vom Typ FA-50 sowie 1.266 “Legwan”-Kampffahrzeuge mit Allradantrieb. Die umfassende Erneuerung der polnischen Militärausrüstung hat es Warschau ermöglicht, seine ältere Ausrüstung aus der Zeit des Kalten Kriegs von der Sowjetunion an die Ukraine abzugeben.
In anderen Teilen Europas haben Finnland, Estland, Norwegen und Rumänien südkoreanische K9-Haubitzen erworben. Medien berichten ebenfalls von Verhandlungen über die Neuanschaffung von K2-Panzer und “Redback”-Schützenpanzer. Den letzteren, auch bekannt als K21, hat auch Australien im Rahmen milliardenschweren Deals bestellt. 129 von diesem Typ werden bis 2028 an die Australia Army geliefert. Der Hersteller ist die Tochtergesellschaft von Hanwha Defence in Australien.
“Billig und schnell”
Weitere Länder wie Vietnam, die Philippinen, Peru und Indonesien unterhalten vielfältige und intensive Rüstungszusammenarbeit mit südkoreanischen Firmen. “Die Stärke dieser Firmen liegt darin, dass sie in der Lage sind, hochwertige Ausrüstung kurzfristig und zu relativ günstigen Preisen zu produzieren”, sagt Park.
“Die Waffensysteme sind vielleicht nicht die absolut besten der Welt”, sagt Chun In-bum, General a. D. der südkoreanischen Armee und Senior Fellow am National Institute for Deterrence Studies im US-Bundesstaat Ohio. “Aber sie sind schnell verfügbar. Die Hersteller wissen, dass sie funktionieren und dass sie preisgünstig sind. Im Preis ist auch meist die künftige Wartung der Systeme enthalten”, so Chun weiter. “Für Länder, die sofort etwas benötigen, ist das alles sehr attraktiv.”
Allerdings glaubt Park nicht, dass Südkoreas Rüstungssektor langfristig erfolgreich bleibe. Das Geschäft floriere nur, weil wir “in einer Zeit beispielloser globaler Unsicherheit” leben. Der Sektor könne sich jedoch nicht darauf verlassen, dass dies ewig so bleibe.
“Langfristig gehe ich davon aus, dass europäische und andere Nato-Länder versuchen werden, ihre eigenen Industrien aufzubauen, um die weitere Nachfrage zu decken”, sagt Park. “Und deshalb ist es wichtig, dass Korea den Aufbau einer Partnerschaft vorantreibt, die über den Verkauf hinausgeht und sich auf gemeinsame Forschung und Entwicklung, Produktion und Einsatz ausweitet.”
Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan
Quelle:
www.dw.com



