Prof. Lautaro Roig Lanzillotta: Warum Locke auch heute noch wichtig ist

Prof. Lautaro Roig Lanzillotta: Warum Locke auch heute noch wichtig ist

Auf der Red Global-Konferenz über religiöse Vielfalt und Globalisierung bot Prof. Lautaro Roig Lanzillotta eine umfassende Reflexion über das Erbe von John Lockes „Letter Concerning Toleration“ aus dem Jahr 1689 und argumentierte, dass seine Grundprinzipien in einer Welt, die von religiösen Spannungen, politischer Polarisierung und neuen Formen ideologischer Konflikte geprägt ist, nach wie vor äußerst relevant sind. Seine Bemerkungen kamen während einer Sitzung, die im Rahmen des umfassenderen Programms der European Times stand.

Eine Warnung aus dem 17. Jahrhundert für die Realitäten des 21. Jahrhunderts

In seinem Vortrag ging Prof. Roig Lanzillotta erneut auf John Lockes grundlegende Verteidigung der Gewissensfreiheit ein und zog eine scharfe Grenze zwischen der spirituellen und der politischen Sphäre. „Indem Locke die Gewissensfreiheit als Grundlage für die Unterscheidung zwischen Kirche und Staat oder genauer gesagt zwischen spiritueller und politischer Autorität betont, trägt er dazu bei, den Grundstein für eine neue Vision der Gesellschaft zu legen“, sagte er.

Er argumentierte, dass Lockes Erkenntnisse aus Jahrhunderten religiöser Konflikte hervorgegangen seien, von den Kreuzzügen bis zu den Religionskriegen, und ein Modell des Zusammenlebens boten, das auf Gegenseitigkeit, bürgerlicher Stabilität und dem Schutz des individuellen Glaubens basierte. Dennoch warnte er, dass viele von Lockes Kernargumenten im heutigen globalen Umfeld „auffallend fehlen“.

Die Rückkehr alter Muster der Intoleranz

Der Professor machte auf aktuelle Krisen aufmerksam – von Gaza bis Sudan und Indien –, in denen religiöse Identität weiterhin eng mit der Politik verknüpft ist. „Die Kontamination der Politik mit Religion und umgekehrt hat uns an einen Punkt gebracht, an dem ein sinnvoller Dialog fast unmöglich geworden ist“, bemerkte er.

Er wies auf die Ausbreitung des religiös kodierten Nationalismus, die Erosion säkularer Regierungsführung und die Nutzung des Glaubens als Waffe im politischen Diskurs hin. „Von den Vereinigten Staaten bis Argentinien ist in Amerika der religiöse Fanatismus wieder aufgetaucht“, erklärte er und warnte davor, dass selbst vermeintlich säkulare europäische Gesellschaften zunehmende Brüche aufweisen, die durch rechtsextreme Ideologien angeheizt werden.

Ignoranz, Bloßstellung und das Paradox der Vielfalt

Prof. Roig Lanzillotta betonte, wie moderne Konnektivität Gesellschaften einer größeren religiösen und kulturellen Vielfalt aussetzt und gleichzeitig die Gegenreaktion verstärkt. „Einerseits setzen uns Technologie, Tourismus und Migration immer mehr der Vielfalt aus. Andererseits erzeugt diese Exposition in Kombination mit Unwissenheit Ablehnung, anstatt Akzeptanz zu fördern“, stellte er fest.

Hier kehrte er zu Lockes Ansicht zurück, dass „gerechte und gemäßigte Regierungen überall ruhig und sicher sind“, und zog eine Parallele zu modernen Kämpfen mit Intoleranz, Fehlinformation und Polarisierung.

Red Global: Aufbau von Alphabetisierung und Gegenseitigkeit

Ein zentraler Teil der Rede skizzierte die Mission von Red Global und dem internationalen Masterprogramm „Religiöse Vielfalt“ von Erasmus Mundus. „Mit der Überzeugung, dass Aufklärung oder Wissen das Gegenmittel gegen Unwissenheit ist, haben sich mehrere europäische und lateinamerikanische Universitäten zusammengeschlossen, um ein internationales und intersektorales Exzellenzprogramm zu schaffen“, sagte er.

Das Netzwerk vereint Universitäten von Groningen bis Córdoba, von Brasília bis Santiago de Chile sowie nicht-akademische Partner im interreligiösen Dialog, in der soziologischen Forschung und in der Zivilgesellschaft. Zu seinen besonderen Merkmalen zählte er, dass es sich um „den einzigen von der Europäischen Kommission finanzierten Master mit Schwerpunkt auf religiösen Themen“ handele, der akademische Forschung mit praktischem gemeinschaftsübergreifendem Engagement verbindet.

Zu den bevorstehenden Initiativen von Red Global gehören eine Online-Plattform zur Verbindung von Institutionen und Praktikern sowie ein Antrag auf Beitritt zum Marie-Skłodowska-Curie-Doktorandennetzwerk im Rahmen von Horizont Europa – wodurch die Möglichkeiten für die interdisziplinäre Doktorandenausbildung erweitert werden.

Lockes vier Prinzipien als Fahrplan für heute

Zum Abschluss seines Vortrags unterstrich Prof. Roig Lanzillotta, wie Lockes Verteidigung der Toleranz immer noch Gesellschaften leiten kann, die mit eskalierenden Konflikten und ideologischer Fragmentierung konfrontiert sind. Die Mission von Red Global sei ausdrücklich darauf ausgerichtet, diese Prinzipien zu wahren:

eine klare Trennung zwischen religiösem und öffentlichem Bereich, die freie Zirkulation von Ideen, Gegenseitigkeit und gegenseitige Anerkennung sowie eine tiefe Auseinandersetzung mit der religiösen Vielfalt, die im historischen Verständnis verwurzelt ist.

„Dreieinhalb Jahrhunderte nach seiner Veröffentlichung sind Lockes Argumente relevanter und notwendiger denn je“, schloss er und verwies auf den weltweiten Rückschritt beim Schutz der Menschenrechte, einschließlich der Gewissens- und Glaubensfreiheit.

Eine zeitgemäße Überlegung angesichts des wachsenden globalen Drucks

Der Beitrag von Prof. Roig Lanzillotta lieferte nicht nur historische Tiefe, sondern machte auch deutlich, dass religiöse Vielfalt und Glaubensfreiheit – Grundsätze, die in Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert sind – vor akuten Herausforderungen stehen. Seine Analyse schlug eine Brücke zwischen den Idealen der Aufklärung und den Krisen der Gegenwart und unterstrich die Rolle, die Bildung, Dialog und strukturelle Zusammenarbeit bei der Wiederherstellung einer Kultur der Toleranz spielen können.

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